Sonnenuntergang

Heinrich Heine

1826

Die glühend rote Sonne steigt Hinab ins weitaufschauernde, Silbergraue Weltenmeer; Luftgebilde, rosig angehaucht, Wallen ihr nach; und gegenüber, Aus herbstlich dämmernden Wolkenschleiern, Ein traurig todblasses Antlitz, Bricht hervor der Mond, Und hinter ihm, Lichtfünkchen, Nebelweit, schimmern die Sterne. Einst am Himmel glänzten, Ehlich vereint, Luna, die Göttin, und Sol, der Gott, Und es wimmelten um sie her die Sterne, Die kleinen, unschuldigen Kinder.

Doch böse Zungen zischelten Zwiespalt, Und es trennte sich feindlich Das hohe, leuchtende Ehpaar.

Jetzt am Tage, in einsamer Pracht, Ergeht sich dort oben der Sonnengott, Ob seiner Herrlichkeit Angebetet und vielbesungen Von stolzen, glückgehärten Menschen. Aber des Nachts, Am Himmel, wandelt Luna, Die arme Mutter, Mit ihren verwaisten Sternenkindern, Und sie glänzt in stiller Wehmut.

Und liebende Mädchen und sanfte Dichter Weihen ihr Tränen und Lieder. Die weiche Luna! Weiblich gesinnt, Liebt sie noch immer den schönen Gemahl. Gegen Abend, zitternd und bleich, Lauscht sie hervor aus leichtem Gewölk, Und schaut nach dem Scheidenden, schmerzlich, Und möchte ihn ängstlich rufen: “Komm! Komm! die Kinder verlangen nach dir -” Aber der trotzige Sonnengott, Bei dem Anblick der Gattin erglüht er In doppeltem Purpur, Vor Zorn und Schmerz, Und unerbittlich eilt er hinab In sein flutenkaltes Witwerbett.

Böse, zischelnde Zungen Brachten also Verderben Selbst über ewige Götter. Und die armen Götter, oben am Himmel Wandeln sie, qualvoll, Trostlos unendliche Bahnen, Und können nicht sterben, Und schleppen mit sich Ihr strahlendes Elend.

Ich aber, der Mensch, Der niedriggepflanzte, der Tod-beglückte, Ich klage nicht länger.

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Illustration zu Sonnenuntergang

Interpretation

Das Gedicht "Sonnenuntergang" von Heinrich Heine ist eine poetische Reflexion über die Trennung von Sonne und Mond, die als einst vereintes göttliches Paar dargestellt werden. Die Sonne, als männliche Gottheit, herrscht tagsüber in einsamer Pracht und wird von den Menschen verehrt, während der Mond, als weibliche Göttin und Mutter, nachts mit ihren Sternenkindern durch den Himmel wandelt. Die Trennung der beiden Himmelskörper wird auf das Wirken böser Zungen zurückgeführt, die Zwietracht zwischen ihnen gesät haben. Trotz ihrer ewigen Natur und ihres strahlenden Glanzes tragen die Götter ihr Leid und ihre Einsamkeit, unfähig, dem Schmerz der Trennung zu entkommen. Heine nutzt die mythologische Allegorie, um menschliche Emotionen und Beziehungen zu veranschaulichen. Die Sonne wird als stolzer und trotziger Gemahl dargestellt, der bei Anblick seiner Gattin in Zorn und Schmerz gerät und sich in sein "Witwerbett" zurückzieht. Der Mond hingegen wird als liebende und weibliche Figur charakterisiert, die trotz allem noch immer ihren Gemahl liebt und ihn sehnsüchtig zurückrufen möchte. Die Sterne werden als unschuldige Kinder des göttlichen Paares porträtiert, die unter der Trennung ihrer Eltern leiden. Im letzten Vers wendet sich Heine direkt an den Leser und kontrastiert das Schicksal der unsterblichen Götter mit dem des sterblichen Menschen. Während die Götter ewig ihr Leid ertragen müssen, ohne sterben zu können, ist der Mensch, obwohl "niedriggepflanzt", durch den Tod beglückt. Dies impliziert, dass die Endlichkeit des menschlichen Lebens auch eine Erlösung von ewigem Schmerz und Leid darstellt. Heine schließt mit der Feststellung, dass er nicht länger klagen wird, was eine Art Resignation oder Akzeptanz der menschlichen Existenz und ihrer Vergänglichkeit ausdrückt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Böse Zungen zischelten Zwiespalt
Personifikation
Ich aber, der Mensch, Der niedriggepflanzte, der Tod-beglückte, Ich klage nicht länger