Sonnenaufgang in Venedig

Stefan Zweig

1881

Erwachende Glocken. – In allen Kanälen  Flackt erst ein Schimmer, noch zitternd und matt,  Und aus dem träumenden Dunkel schälen  Sich schleiernd die Linien der ewigen Stadt. Sanft füllt sich der Himmel mit Farben und Klängen,  Fernsilbern sind die Lagunen erhellt. – Die Glöckner läuten mit brennenden Strängen,  Als rissen sie selbst den Tag in die Welt. Und nun das erste flutende Dämmern!  Wie Flaum von schwebenden Wolken rollt,  Spannt sich von Turm zu Türmen das Hämmern  Der Glocken, ein Netz von bebendem Gold. Und schneller und heller. Ganz ungeheuer  Bläht sich das Dämmern. – Da bauscht es und birst,  Und Sonne stürzt wie fressendes Feuer  Gierig sich weiter von First zu First. Der Morgen taut nieder in goldenen Flocken,  Und alle Dächer sind Glorie und Glast.  Und nun erst halten die ruhlosen Glocken  Auf ihren strahlenden Türmen Rast.

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Illustration zu Sonnenaufgang in Venedig

Interpretation

Das Gedicht "Sonnenaufgang in Venedig" von Stefan Zweig beschreibt den eindrucksvollen Morgenanbruch in der Lagunenstadt. Die Verse schildern, wie die erwachenden Glocken den Tag einläuten und die Stadt aus dem Dunkel hervortreten lassen. Der Himmel füllt sich mit Farben und Klängen, während die Lagunen im fernen Silberlicht erstrahlen. Die Glöckner läuten, als wollten sie den Tag selbst in die Welt reißen. Mit fortschreitendem Morgen intensiviert sich das Dämmern, das sich wie Flaum über die Stadt legt. Die Glockenklänge werden schneller und heller, weben ein Netz aus bebendem Gold über die Türme. Plötzlich birst die Dämmerung, und die Sonne stürzt wie ein Feuer über die Dächer. Der Morgen tauet in goldenen Flocken nieder, und die Stadt erstrahlt in Glorie und Glanz. Erst jetzt finden die ruhelosen Glocken auf ihren Türmen Ruhe. Das Gedicht fängt die Magie des venezianischen Sonnenaufgangs in eindringlichen Bildern ein. Die Stadt erwacht unter dem Spiel der Glocken und dem Anbruch des Tages. Die Sprache ist bildstark und metaphorisch, sie lässt den Leser am Erwachen der Stadt teilhaben. Die Glocken werden dabei zum Symbol für den Übergang von der Nacht zum Tag, von der Dunkelheit zum Licht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Sonnenaufgang in Venedig

Stilmittel

Bildsprache
Der Morgen taut nieder in goldenen Flocken
Metapher
Alle Dächer sind Glorie und Glast
Personifikation
Erwachende Glocken
Vergleich
Wie Flaum von schwebenden Wolken rollt