Sonettendichter
1893Eins wie das andre! Journal und Almanach, Zeitung und tausend Uebersetzungen macht nun man auf deutschem Parnaß. Was ist Apoll geworden? Ein Spekulant, und Fabriken Legt er sich an, und kaum treibt er′s Papier noch sich auf. Stets an der Press′! und die Hand, von der Druckerschwärze beschmutzet, Wäscht er am Sonntag sich rein im kastalischen Quell. In Italien aber, da schreibt man Sonette zusammen, Anakreontica und Hendecasyllaben auch. Tausende liest man vor in den Akademien am Tiber, Professoren sind es, Monsignori dazu, Cavalieri, Grafen, Abbati, Barone, Doktoren, Alle Stände, doch fehlt einzig der Dichter dabei.
Und sie conjugiren: ich liebe, du liebest, er liebet, Ich bin, du bist, er ist - nichts als ein schlechter Poet.
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Interpretation
Das Gedicht "Sonettendichter" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Kritik an der damaligen literarischen Landschaft in Deutschland und Italien. Waiblinger beklagt, dass die Poesie in Deutschland zur Massenproduktion verkommen ist, wobei Journale, Almanache und Zeitungen eine Flut von Übersetzungen und Texten hervorbringen. Der einstige Gott der Poesie, Apoll, wird als Spekulant dargestellt, der Fabriken besitzt und kaum noch selbst Gedichte verfasst. In Italien hingegen werden Sonette und andere Gedichtformen zwar noch geschrieben, aber Waiblinger kritisiert, dass es sich dabei um eine bloße akademische Übung handelt. In den Akademien am Tiber werden Tausende von Sonetten vorgetragen, verfasst von Professoren, Monsignori, Cavalieri, Grafen, Abbati, Barone und Doktoren. Alle Stände sind vertreten, aber es fehlt einzig und allein der wahre Dichter. Im zweiten Teil des Gedichts verdeutlicht Waiblinger die Oberflächlichkeit dieser literarischen Produktion. Die Dichter konjugieren lediglich Verben wie "ich liebe, du liebest, er liebet" oder "ich bin, du bist, er ist", ohne dabei jedoch echte poetische Qualität zu erreichen. Sie bleiben "nichts als ein schlechter Poet". Waiblinger beklagt somit den Mangel an echter poetischer Inspiration und Kreativität in der zeitgenössischen Literatur.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Antithese
- Alle Stände, doch fehlt einzig der Dichter dabei.
- Bildsprache
- Stets an der Press'! und die Hand, von der Druckerschwärze beschmutzet, wäscht er am Sonntag sich rein im kastalischen Quell.
- Hyperbel
- Tausende liest man vor in den Akademien am Tiber.
- Ironie
- Alle Stände, doch fehlt einzig der Dichter dabei.
- Metapher
- Eins wie das andere! Journal und Almanach, Zeitung und tausend Übersetzungen macht nun man auf deutschem Parnaß.
- Parallelismus
- Ich liebe, du liebest, er liebet, Ich bin, du bist, er ist.
- Personifikation
- Was ist Apoll geworden? Ein Spekulant, und Fabriken legt er sich an, und kaum treibt er's Papier noch sich auf.