Sonett auf sich selbst
1877Aus Sturm und Traum auffahrend, wo ich saß, in einen Spiegel blickt ich heut hinein und wusste nicht von mir, und sah mit Pein das Antlitz meines Feindes aus dem Glas
empor gesandt: von fleckiger Schatten Schein die Lippe überwildert, schien etwas dumpf hinzuknirschen zwischen Angst und Hass: Ich sollt es sein; und möchte dies nicht sein!
Wir sind nicht, was wir sind; der Himmel, kaum vom Meer zu kennen, schleift mit Dunst beschwert und brütet Auswurf: aber gieße Traum
In deinen Becher; und mit Nordwind gärt die wundervolle See, und wildem Schaum, durch den das heilige Schiff mit Helden fährt.
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Interpretation
Das Gedicht "Sonett auf sich selbst" von Rudolf Borchardt handelt von einer schockierenden Selbstbegegnung. Der lyrische Ich blickt in einen Spiegel und erkennt sich nicht wieder. Stattdessen sieht es das Gesicht seines Feindes, gezeichnet von Flecken und Schatten. Dies löst Entsetzen und Ablehnung aus. Der Spiegel offenbart eine unbekannte, verstörende Seite des Selbst. Im zweiten Teil reflektiert der Sprecher über die Unzuverlässigkeit der eigenen Identität. Er vergleicht sich mit einem kaum vom Meer zu unterscheidenden, dunstverhangenen Himmel. Die eigene Natur erscheint ihm trübe und unklar. Doch er ruft sich selbst zu, Traum in seinen Becher zu gießen, also die Fantasie zu nähren. Im Schlussbild wird ein Kontrast gesetzt. Während das Selbst des Sprechers von Zweifeln geplagt ist, durchsegelt ein heiliges Schiff mit Helden wilde, schäumende See. Dies symbolisiert eine heldenhafte, zielstrebige Existenz, die sich von den Selbstzweifeln des lyrischen Ichs abhebt. Das Gedicht endet mit einer Aufforderung, die eigene unklare Natur zu überwinden und mutig voranzuschreiten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [fleckiger Schatten Schein Angst und Hass mit Nordwind gärt]
- Bildlichkeit
- [in einen Spiegel blickt ich heut hinein das Antlitz meines Feindes aus dem Glas empor gesandt gieße Traum In deinen Becher mit Nordwind gärt die wundervolle See wildem Schaum, durch den das heilige Schiff mit Helden fährt]
- Kontrast
- [Aus Sturm und Traum auffahrend Wir sind nicht, was wir sind der Himmel, kaum vom Meer zu kennen gieße Traum In deinen Becher]
- Metapher
- [Aus Sturm und Traum auffahrend die Lippe überwildert von fleckiger Schatten Schein der Himmel, kaum vom Meer zu kennen mit Dunst beschwert gieße Traum In deinen Becher mit Nordwind gärt die wundervolle See wildem Schaum, durch den das heilige Schiff mit Helden fährt]
- Personifikation
- [der Himmel, kaum vom Meer zu kennen brütet Auswurf]
- Wiederholung
- [Ich sollt es sein; und möchte dies nicht sein!]