Sommernacht

Gottfried Keller

1847

Es wallt das Korn weit in die Runde Und wie ein Meer dehnt es sich aus; Doch liegt auf seinem stillen Grunde Nicht Seegewürm noch andrer Graus; Da träumen Blumen nur von Kränzen Und trinken der Gestirne Schein. O goldnes Meer, dein friedlich Glänzen Saugt meine Seele gierig ein!

In meiner Heimat grünen Talen, Da herrscht ein alter schöner Brauch: Wann hell die Sommersterne strahlen, Der Glühwurm schimmert durch den Strauch, Dann geht ein Flüstern und ein Winken, Das sich dem Ährenfelde naht, Da geht ein nächtlich Silberblinken Von Sicheln durch die goldne Saat.

Das sind die Bursche jung und wacker, Die sammeln sich im Feld zuhauf Und suchen den gereiften Acker Der Witwe oder Waise auf, Die keines Vaters, keiner Brüder Und keines Knechtes Hilfe weiß - Ihr schneiden sie den Segen nieder, Die reinste Lust ziert ihren Fleiß.

Schon sind die Garben fest gebunden Und rasch in einen Ring gebracht; Wie lieblich flohn die kurzen Stunden, Es war ein Spiel in kühler Nacht! Nun wird geschwärmt und hell gesungen Im Garbenkreis, bis Morgenluft Die nimmermüden braunen Jungen Zur eignen schweren Arbeit ruft.

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Illustration zu Sommernacht

Interpretation

Das Gedicht "Sommernacht" von Gottfried Keller beschreibt eine idyllische Sommernacht auf dem Land, in der sich die Natur in ihrer vollen Schönheit zeigt. Das goldene Kornfeld erstreckt sich wie ein Meer, das von friedlichem Glanz erfüllt ist und die Seele des Betrachters in seinen Bann zieht. Die Nacht wird zum Schauplatz einer alten Tradition, bei der junge Burschen zusammenkommen, um den Witwen und Waisen beim Ernten zu helfen. Die zweite Strophe führt den Leser in die Heimat des Dichters, wo ein schöner Brauch gepflegt wird. Wenn die Sommersterne leuchten und die Glühwürmchen durch das Gebüsch schimmern, kommt ein Flüstern und Winken auf, das sich dem Ährenfeld nähert. Die Sicheln blinken nächtlich silbrig durch die goldene Saat, während die jungen Burschen zusammenkommen, um den reifen Acker zu ernten. In der dritten Strophe wird das Erntefest ausführlich beschrieben. Die Burschen, jung und wacker, sammeln sich im Feld und helfen den Witwen und Waisen, die ohne die Unterstützung von Vätern, Brüdern oder Knechten dastehen. Sie schneiden den Segen nieder und zeigen ihre reinste Lust am Fleiß. Die Garben werden schnell gebunden und in einen Ring gelegt, während die kurzen Stunden wie im Spiel vergehen. Bis zum Morgengrauen wird geschwärmt und hell gesungen im Garbenkreis, bevor die braunen Jungen zur eigenen schweren Arbeit gerufen werden.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
Zur eignen schweren Arbeit ruft
Personifikation
Bis Morgenluft die nimmermüden braunen Jungen
Vergleich
Es war ein Spiel in kühler Nacht