Sommermorgen
1830Auf Bergeshöhen schneebedeckt, Auf grünen Hügeln weitgestreckt Erglänzt die Morgensonne; Die tauerfrischten Zweige hebt Der junge Buchenwald und bebt Und bebt in Daseinswonne.
Es stürzt in ungestümer Lust Herab aus dunkler Felsenbrust Der Gießbach mit Getose, Und blühend Leben weckt sein Hauch Im stolzen Baum, im niedren Strauch, In jedem zarten Moose.
Und drüben wo die Wiese liegt, Im Blütenschmuck, da schwirrt und fliegt Der Mücken Schwarm und Immen. Wie sich′s im hohen Grase regt Und froh geschäftig sich bewegt, Und summt mit feinen Stimmen.
Es steigt die junge Lerche frei Empor gleich einem Jubelschrei Im Wirbel ihrer Lieder. Im nahen Holz der Kuckuck ruft, Die Amsel segelt durch die Luft Auf goldenem Gefieder.
O Welt voll Glanz und Sonnenschein, O rastlos Werden, holdes Sein, O höchsten Reichtums Fülle! Und dennoch, ach - vergänglich nur Und todgeweiht, und die Natur Ist Schmerz in Schönheitshülle.
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Interpretation
Das Gedicht "Sommermorgen" von Marie von Ebner-Eschenbach zeichnet ein lebendiges Bild eines idyllischen Sommermorgens in der Natur. Die ersten Strophen beschreiben die Erscheinung der Morgensonne auf schneebedeckten Bergeshöhen und grünen Hügeln, die den jungen Buchenwald in eine Wonne des Daseins versetzt. Die Natur erwacht in einem Ausbruch von Leben und Vitalität, symbolisiert durch den stürzenden Gießbach und das blühende Leben in Bäumen, Sträuchern und Moosen. Die zweite Hälfte des Gedichts fokussiert sich auf die Tiere und Insekten, die in dieser Sommerlandschaft aktiv sind. Mücken und Bienen schwirren und fliegen im Blütenschmuck der Wiese, während sich das hohe Gras regt und summt. Die Lerche steigt empor in einem Jubelschrei, der Kuckuck ruft aus dem nahen Holz, und die Amsel segelt durch die Luft auf goldenem Gefieder. Diese Beschreibungen vermitteln ein Gefühl von Freude und Lebendigkeit in der Natur. Trotz der Schönheit und des Überflusses der Natur endet das Gedicht mit einer melancholischen Note. Der letzte Vers besagt, dass die Natur vergänglich und dem Tod geweiht ist, und dass sie "Schmerz in Schönheitshülle" ist. Diese Zeilen deuten darauf hin, dass die vergängliche Natur der Schönheit und des Lebens selbst im Angesicht der idyllischen Sommerlandschaft präsent ist. Das Gedicht vermittelt somit eine tiefe Wertschätzung für die Schönheit der Natur, während es gleichzeitig die Vergänglichkeit und den Schmerz anerkennt, die in ihr verborgen liegen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Der Gießbach mit Getose
- Hyperbel
- O höchsten Reichtums Fülle!
- Kontrast
- Und dennoch, ach - vergänglich nur / Und todgeweiht, und die Natur / Ist Schmerz in Schönheitshülle.
- Metapher
- O Welt voll Glanz und Sonnenschein, / O rastlos Werden, holdes Sein, / O höchsten Reichtums Fülle!
- Personifikation
- Die tauerfrischten Zweige hebt / Der junge Buchenwald und bebt / Und bebt in Daseinswonne.