Sommerbetrachtung

Klabund

1890

Hier saß ich oft. An diesem grünen Strauch. Die Rosen blühen heute röter noch. Die Fuchsien halten ihre Farbe auch. Es bellt am Zaun der kahle Köter noch.

Die Espe zittert, weil es ihr Beruf. Den roten Pilz betreut der Regenwurm. Ein Einhorn scharrt versonnen mit dem Huf. Die Sonne steht als Frau auf einem Turm.

Der Sommer herbstelt. Im geharkten Kies Geht an der Krücke ein geborstner Greis. Ein Kind spielt Mutter. Und es lächelt leis, Als ich ihm eine offne Grube wies.

Bei jedem Schritte trifft man auf ein Grab Von Leuten, die noch längst am Leben sind. O liebstes Herz, dem meinen Leib ich gab: Wie wohlig weht durch mein Skelett der Wind!

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Illustration zu Sommerbetrachtung

Interpretation

Das Gedicht "Sommerbetrachtung" von Klabund beschreibt eine melancholische Szene im Sommer, die von Vergänglichkeit und dem Bewusstsein der Sterblichkeit geprägt ist. Der Sprecher sitzt an einem vertrauten Ort und beobachtet die Natur, die sich im Sommer verändert hat. Die Rosen blühen intensiver, die Fuchsien behalten ihre Farbe, und ein kahler Hund bellt am Zaun. Die Espe zittert, Pilze werden von Regenwürmern betreut, ein Einhorn scharrt mit dem Huf, und die Sonne steht als Frau auf einem Turm. Diese Bilder vermitteln eine surreale und traumhafte Atmosphäre, die den Eindruck von Vergänglichkeit verstärkt. Im zweiten Teil des Gedichts wird der Sommer als herbstlich beschrieben, was den Übergang und die Vergänglichkeit der Jahreszeiten symbolisiert. Ein gebrochener Greis geht auf Krücken durch den geharkten Kies, ein Kind spielt Mutter und lächelt, als es auf eine offene Grube aufmerksam gemacht wird. Diese Bilder deuten auf den Kreislauf von Leben und Tod hin, wobei die Grube als Symbol für das Grab steht. Im letzten Teil des Gedichts wird die Allgegenwart des Todes betont. Jeder Schritt führt zu einem Grab, auch wenn die Menschen noch am Leben sind. Der Sprecher wendet sich an sein Herz, das seinen Körper gegeben hat, und empfindet eine seltsame Wohligkeit, wenn der Wind durch sein Skelett weht. Dies könnte als Akzeptanz der Vergänglichkeit und der Sterblichkeit interpretiert werden, die dem Sprecher eine gewisse Erleichterung bringt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Hier saß ich oft. An diesem grünen Strauch.
Apostrophe
O liebstes Herz, dem meinen Leib ich gab.
Kontrast
Bei jedem Schritte trifft man auf ein Grab von Leuten, die noch längst am Leben sind.
Metapher
Die Sonne steht als Frau auf einem Turm.
Personifikation
Die Espe zittert, weil es ihr Beruf.
Symbolik
Der Sommer herbstelt.