So laßt mich scheinen...

Johann Wolfgang von Goethe

1796

So laßt mich scheinen, bis ich werde; Zieht mir das weiße Kleid nicht aus! Ich eile von der schönen Erde Hinab in jenes feste Haus.

Dort ruh ich eine kleine Stille, Dann öffnet sich der frische Blick; Ich lasse dann die reine Hülle, Den Gürtel und den Kranz zurück.

Und jene himmlischen Gestalten Sie fragen nicht nach Mann und Weib, Und keine Kleider, keine Falten Umgeben den verklärten Leib.

Zwar lebt ich ohne Sorg und Mühe, Doch fühlt ich tiefen Schmerz genung. Vor Kummer altert ich zu frühe; Macht mich auf ewig wieder jung!

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu So laßt mich scheinen...

Interpretation

Das Gedicht "So laßt mich scheinen..." von Johann Wolfgang von Goethe handelt von der Vergänglichkeit des Lebens und der Sehnsucht nach einer ewigen, jenseitigen Existenz. Der Sprecher bittet darum, noch als lebendiger Mensch wahrgenommen zu werden, bevor er in den Tod übergeht. Er beschreibt den Übergang vom Leben zum Tod als einen Gang in ein "festes Haus", was als Grab oder Jenseits interpretiert werden kann. In dieser Stille findet eine Art Erneuerung statt, bei der der Sprecher seine sterbliche Hülle und die Symbole des Lebens (Hülle, Gürtel, Kranz) ablegt. Im Jenseits angekommen, wird er von himmlischen Gestalten erwartet, die weder nach Geschlecht noch nach irdischen Merkmalen unterscheiden. Der verklärte Leib ist frei von den Fesseln des irdischen Daseins. Der Sprecher reflektiert über sein Leben, das zwar sorglos war, aber von tiefem Schmerz und vorzeitigem Altern geprägt war. Die Schlusszeile drückt den Wunsch aus, im Tod ewig jung und von Kummer befreit zu sein. Goethes Gedicht thematisiert die menschliche Auseinandersetzung mit Sterblichkeit und die Hoffnung auf ein Leben jenseits des Todes, das von ewiger Jugend und Glückseligkeit geprägt ist. Es ist ein Plädoyer für die Unsterblichkeit der Seele und die Überwindung der endlichen Natur des menschlichen Daseins.

Schlüsselwörter

keine laßt scheinen werde zieht weiße kleid eile

Wortwolke

Wortwolke zu So laßt mich scheinen...

Stilmittel

Alliteration
Sorg und Mühe
Hyperbel
Vor Kummer altert ich zu frühe
Kontrast
Zwar lebt ich ohne Sorg und Mühe, doch fühlt ich tiefen Schmerz genug
Metapher
Umgeben den verklärten Leib
Personifikation
Dann öffnet sich der frische Blick
Symbolik
Gürtel und Kranz