Sô die bluomen...

Walther von der Vogelweide

1930

Sô die bluomen ûz dem grase dringent, same si lachen gegen der spilden sunnen, in einem meien an dem morgen fruo, und diu kleinen vogellîn wol singent in ir besten wîse die si kunnen, waz wünne mac sich dâ gelîchen zuo? ez ist wol halb ein himelrîche. suln wir sprechen waz sich deme gelîche, sô sage ich waz mir dicke baz in mînen ougen hât getân, und taete ouch noch, gesaehe ich daz.

Swâ ein edeliu schoene frowe reine, wol gekleidet unde wol gebunden, dur kurzewîle zuo vil liuten gât, hovelîchen hôhgemuot, niht eine, umbe sehende ein wênic under stunden, alsam der sunne gegen den sternen stât, - der meie bringe uns al sîn wunder, waz ist dâ sô wünneclîches under, als ir vil minneclîcher lîp? wir lâzen alle bluomen stân, und kapfen an daz werde wîp.

Nû wol dan, welt ir die wârheit schouwen! gên wir zuo des meien hôhgezîte! der ist mit aller sîner krefte komen. seht an in und seht an schoene frouwen, wederz dâ daz ander überstrîte: daz bezzer spil, ob ich daz hân genomen. owê der mich dâ welen hieze, deich daz eine dur daz ander lieze, wie rehte schiere ich danne kür! hêr Meie, ir müeset merze sîn, ê ich mîn frowen dâ verlür.

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Illustration zu Sô die bluomen...

Interpretation

Das Gedicht "Sô die bluomen..." von Walther von der Vogelweide ist ein Minnelied, das die Schönheit des Frühlings mit der Anmut einer edlen Frau vergleicht. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung des Frühlings, in der die Blumen aus dem Gras dringen und die Vögel ihr bestes Lied singen. Der Dichter fragt sich, was man mit solcher Schönheit vergleichen könnte und antwortet, dass es fast ein himmlisches Reich sei. Im zweiten Teil des Gedichts wird eine edle, schöne Frau vorgestellt, die in ihrer kurzen Anwesenheit unter vielen Menschen eine hohe, edle Gesinnung zeigt. Sie wird mit der Sonne verglichen, die neben den Sternen steht. Der Dichter fragt sich, was auf der Welt schöner sein könnte als ihr lieblicher Körper und beschließt, alle Blumen stehen zu lassen und sich stattdessen auf die edle Frau zu konzentrieren. Im letzten Teil des Gedichts fordert der Dichter den Leser auf, die Wahrheit zu sehen und sich dem Fest des Frühlings anzuschließen. Er vergleicht den Frühling mit einem Spieler, der mit aller Kraft gekommen ist, und fordert den Leser auf, sowohl den Frühling als auch die schönen Frauen zu betrachten. Der Dichter würde sich wünschen, von einer höheren Macht geleitet zu werden, um zwischen beiden wählen zu können, aber letztendlich entscheidet er sich für seine Geliebte und bittet den Mai, nicht zu gehen, bevor er seine Frau nicht verloren hat.

Schlüsselwörter

daz wol waz zuo bluomen meien schoene dur

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Stilmittel

Alliteration
wol gekleidet unde wol gebunden
Anapher
und taete ouch noch, gesaehe ich daz
Bildsprache
und diu kleinen vogellîn wol singent in ir besten wîse die si kunnen
Hyperbel
ez ist wol halb ein himelrîche
Kontrast
wederz dâ daz ander überstrîte
Metapher
hêr Meie, ir müeset merze sîn
Personifikation
same si lachen gegen der spilden sunnen
Rhetorische Frage
waz wünne mac sich dâ gelîchen zuo?
Symbolik
der meie bringe uns al sîn wunder
Vergleich
alsam der sunne gegen den sternen stât