Silvester

Joachim Ringelnatz

1883

Dass bald das neue Jahr beginnt, Spür ich nicht im geringsten. Ich merke nur: Die Zeit verrinnt Genauso wie zu Pfingsten,

Genau wie jährlich tausendmal. Doch Volk will Griff und Daten. Ich höre Rührung, Suff, Skandal, Ich speise Hasenbraten.

Mit Cumberland, und vis-à-vis Sitzt von den Krankenschwestern Die sinnlichste. Ich kenne sie Gut, wenn auch erst seit gestern.

Champagner drängt, lügt und spricht wahr. Prosit, barmherzige Schwester! Auf! In mein Bett! Und prost Neujahr! Rasch! Prosit! Prost Silvester!

Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt In heimlichen Geweben. Wenn heute nacht ein Jahr beginnt, Beginnt ein neues Leben.

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Illustration zu Silvester

Interpretation

Das Gedicht "Silvester" von Joachim Ringelnatz beschreibt die Silvesterfeier des lyrischen Ichs als eine Mischung aus Routine und flüchtigen Momenten der Intimität. Das Ich fühlt keine besondere Erregung über den Jahreswechsel, da die Zeit für es gleichförmig vergeht, unabhängig vom Kalender. Trotzdem nimmt es an den gesellschaftlichen Ritualen teil, genießt das Essen, hört die üblichen Geräusche der Feier und flirtet mit einer Krankenschwester, die es erst seit kurzem kennt. Der Champagner lockert die Stimmung, und das Ich lädt die Krankenschwester ein, mit ihm ins Bett zu gehen, um das neue Jahr zu begrüßen. Das Gedicht zeichnet ein Bild einer Silvesterfeier, die sowohl von äußeren Zwängen als auch von persönlichen Wünschen geprägt ist. Das Ich fühlt sich verpflichtet, an den traditionellen Aktivitäten teilzunehmen, wie dem Essen von Hasenbraten und dem Anstoßen mit Champagner. Gleichzeitig sucht es nach Momenten der Zweisamkeit und Leidenschaft, die es in der Krankenschwester findet. Das Gedicht deutet an, dass das Ich diese Momente als Möglichkeit für einen Neuanfang sieht, sowohl im Hinblick auf das neue Jahr als auch auf sein eigenes Leben. Das Gedicht endet mit einem Kontrast zwischen der vergehenden Zeit und der kontinuierlichen Arbeit der Spinne, die ihr Netz spinnt. Dieser Kontrast symbolisiert die Vergänglichkeit menschlicher Feiern und die Beständigkeit der Natur. Das Ich erkennt, dass mit dem Beginn des neuen Jahres auch ein neues Leben beginnt, was sowohl Hoffnung als auch Unsicherheit ausdrückt. Das Gedicht vermittelt eine Stimmung von Melancholie und Sehnsucht, die typisch für Ringelnatz' Werk ist.

Schlüsselwörter

beginnt jahr zeit verrinnt vis prosit prost bald

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Spinne spinnt
Anapher
Prosit, barmherzige Schwester! / Auf! In mein Bett! Und prost Neujahr!
Enjambement
Dass bald das neue Jahr beginnt, / Spür ich nicht im geringsten.
Metapher
Die Zeit verrinnt
Personifikation
Champagner drängt, lügt und spricht wahr
Symbolik
Spinne spinnt / In heimlichen Geweben
Vergleich
Genauso wie zu Pfingsten
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