Silvester

Kurt Tucholsky

1918

Was fange ich Silvester an?Geh ich in Frack und meinen kessenBlausanen Strümpfen zu dem Essen,Das Herrn Generaldirektor gibt?Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel -Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -,Das junge Volk verdrückt sich bald.Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt -Prost Neujahr!Ach, ich armer Mann!Was fange ich Silvester an?Wälz ich mich im Familienschoße?Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,Dann gibt′s Gelee. Dann gibt es Krach.Der greise Männe selbst wird schwach.Aufsteigen üble Knatschgerüche.Der Hans knutscht Minna in der Küche.Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.Die Bowle -? ( nur - )Prost Neujahr!Ach, ich armer Mann!Was fange ich Silvester an?Mach ich ins Amüsiervergnügen?Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?Schrei ich in einer schwulen Bar:“Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr -!“Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister -Bleigießen? Ists ein Fladen klein:Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein…Prost Neujahr!Helft mir armem Mann!Was fang ich blos Silvester an _ ?

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Illustration zu Silvester

Interpretation

Das Gedicht "Silvester" von Kurt Tucholsky beschreibt die Unentschlossenheit des lyrischen Ichs, wie es den Silvesterabend verbringen soll. Es werden drei mögliche Optionen vorgestellt: eine Gesellschaft mit Herrn Generaldirektor, ein Familienfest oder ein Amüsiervorhaben in der Stadt. Das Gedicht beginnt mit der Frage "Was fange ich Silvester an?" und stellt die erste Option vor: ein Abendessen bei Herrn Generaldirektor. Die Beschreibung dieses Abends ist eher negativ, mit kaltem Kaffee, warmem Sekt und einem allgemeinen Gefühl der Langeweile. Die Hausfrau und der Hausherr verhalten sich unpassend, und das junge Volk verzieht sich bald. Die zweite Option ist ein Familienfest, das ebenfalls nicht sehr verlockend klingt. Es gibt ein üppiges Essen, aber auch Streit und Unannehmlichkeiten. Der "greise Männe" wird schwach, und es gibt "üble Knatschgerüche". Das Gedicht endet mit der gleichen Frage wie zu Beginn: "Was fange ich blos Silvester an?" Dies zeigt die anhaltende Unsicherheit des lyrischen Ichs. Die dritte Option ist ein Amüsiervorhaben in der Stadt, das ebenfalls nicht sehr ansprechend klingt. Der Erzähler erwägt, in eine schwule Bar zu gehen oder zur Firma Sklarz Geschwister zu gehen. Die letzte Zeile des Gedichts, "Helft mir armem Mann!", zeigt die Verzweiflung des Erzählers, eine passende Silvesteraktivität zu finden.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Ironie
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Kontrast
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt
Metapher
Die Bowle -? (<Leichter Mosel> nur - )
Rhetorische Frage
Was fange ich Silvester an?
Übertreibung
Der greise Männe selbst wird schwach