Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , ,

Siehe, ich wußte es sind

Von

Siehe, ich wußte es sind
solche, die nie den gemeinsamen Gang
lernten zwischen den Menschen;
sondern der Aufgang in plötzlich
entatmete Himmel
war ihr Erstes. Der Flug
durch der Liebe Jahrtausende
ihr Nächstes, Unendliches.

Eh sie noch lächelten
weinten sie schon vor Freude;
eh sie noch weinten
war die Freude schon ewig.

Frage mich nicht
wie lange sie fühlten; wie lange
sah man sie noch? Denn unsichtbare sind
unsägliche Himmel
über der inneren Landschaft.

Eines ist Schicksal. Da werden die Menschen
sichtbarer. Stehn wie Türme. Verfalln.
Aber die Liebenden gehn
über der eignen Zerstörung
ewig hervor; denn aus dem Ewigen
ist kein Ausweg. Wer widerruft
Jubel?

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Siehe, ich wußte es sind von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Siehe, ich wußte es sind“ von Rainer Maria Rilke zeichnet ein Porträt von Menschen, die sich von der Masse abheben, indem sie sich von irdischen Zwängen befreien und in eine Sphäre des Transzendenten eintreten. Rilke beschreibt Individuen, deren Leben von Anfang an durch eine Nähe zum Übernatürlichen geprägt ist. Sie kannten keinen „gemeinsamen Gang“ unter den Menschen, sondern suchten ihren Aufstieg in „plötzlich entatmete Himmel“ und den Flug durch die unendliche Weite der Liebe. Diese Menschen scheinen von Geburt an eine innere Erfahrungswelt zu besitzen, die das irdische Dasein übersteigt.

Der zweite Teil des Gedichts vertieft die Charakterisierung dieser besonderen Menschen. Sie erleben Emotionen in ihrer reinsten Form: Freude und Trauer sind bereits vor ihrer Entstehung ewig. Rilke deutet an, dass diese Individuen eine Erfahrungswelt besitzen, die über die Grenzen des menschlichen Verständnisses hinausgeht. Die Frage nach der Dauer ihres Fühlens und ihres Sichtbarseins erübrigt sich, denn ihre wahre Existenz findet in den „unsäglichen Himmeln“ der inneren Landschaft statt. Hier wird ein Raum des Nicht-Greifbaren, des Spirituellen und des Unfassbaren angedeutet, in dem diese Menschen zu Hause sind.

Der dritte Teil des Gedichts stellt einen Kontrast zur vergänglichen Natur des menschlichen Lebens dar. Während andere Menschen durch das Schicksal „sichtbarer“ werden, wie Türme stehen und verfallen, „gehen“ die Liebenden „über der eignen Zerstörung ewig hervor“. Sie sind nicht an die Zyklen von Geburt und Tod gebunden, sondern existieren in einer Sphäre der Ewigkeit. Dies deutet auf eine spirituelle Überlegenheit hin, die durch die Kraft der Liebe genährt wird.

Die abschließende Frage „Wer widerruft Jubel?“ verstärkt die Botschaft der Unvergänglichkeit und der Freude. Sie betont die Unwiderruflichkeit des Zustands der Liebenden, die in einer Welt des ewigen Jubels leben. Das Gedicht feiert somit eine Art von transzendenter Liebe, die über das irdische Dasein hinausgeht und die Menschen in eine Sphäre der Ewigkeit und des Jubels erhebt. Die Betonung liegt auf der Kraft der Liebe und der inneren Erfahrung, die den Einzelnen von den Zwängen der Welt befreien kann.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.