Sieben schizophrene Sonette
1886Wir, Johann, Amadeus Adelgreif, Fürst von Saprunt und beiderlei Smeraldis, Erzkaiser über allen Unterschleif Und Obersäckelmeister vom Schmalkaldis
Erheben unsern grimmen Löwenschweif Und dekretieren vor den leeren Saldis: “Ihr Räuberhorden, eure Zeit ist reif. Die Hahnenfeder ab, ihr Garibaldis.
Man sammle alle Blätter unserer Wälder Und stanze Gold daraus, soviel man mag, Das ausgedehnte Land braucht neue Gelder.
Und eine Hungersnot liegt klar am Tag. Sofort versehe man die Schatzbehälter Mit Blattgold aus dem nächsten Buchenschlag.”
Als ich zum ersten Male diesen Narren Mein neues Totenwäglein vorgeführt, War alle Welt im Leichenhaus gerührt Von ihren Selbstportraits und anderen Schmarren.
Sie sagten mir: nun wohl, das sei ein Karren, Jedoch die Räder seien nicht geschmiert, Auch sei es innen nicht genug verziert Und schließlich wollten sie mich selbst verscharren.
Sie haben von der Sache nichts begriffen, Als daß es wurmig zugeht im Geliege Und wenn ich mich vor Lachen jetzt noch biege,
So ist es, weil sie drum herum gestanden, Die Pfeife rauchten und den Mut nicht fanden, Hineinzusteigen in die schwarze Wiege.
In Schnabelschuhen und im Schnürkorsett Hat er den Winter überstanden, Als Schlangenmensch im Teufelskabinett Gastierte er bei Vorstadtdilettanten.
Nun sich der Frühling wieder eingestellt Und Frau Natura kräftig promenierte, Hat ihn die Lappen- und Attrappenwelt Verdrossen erst und schließlich degoutieret.
Er hat sich eine Laute aufgezimmert Aus Kistenholz und langen Schneckenschrauben, Die Saiten rasseln und die Stimme wimmert, Doch läßt er sich die Illusion nicht rauben.
Er brüllt und johlt, als hinge er am Spieße. Er schwenkt jucheiend seinen Brautzylinder. Als Schellenkönig tanzt er auf der Wiese Zum Purzelbaum der Narren und der Kinder.
Ein Opfer der Zerstückung, ganz besessen Bin ich - wie nennt ihr′s doch? - ein Schizophrene. Ihr wollt, daß ich verschwinde von der Szene, Um euren eigenen Anblick zu vergessen.
Ich aber werde eure Worte pressen In des Sonettes dunkle Kantilene. Es haben meine ätzenden Arsene Das Blut euch bis zum Herzen schon durchmessen.
Des Tages Licht und der Gewohnheit Dauer Behüten euch mit einer sichern Mauer Vor meinem Aberwitz und grellem Wahne.
Doch plötzlich überfällt auch euch die Trauer. Es rüttelt euch ein unterirdischer Schauer Und ihr zergeht im Schwunge meiner Fahne.
Gewöhnlich kommt es, wenn die Lichter brennen. Es poltert mit den Tellern und den Tassen. Auf roten Schuhen schlurrt es in den nassen Geschwenkten Nächten und man hört sein Flennen.
Von Zeit zu Zeit scheint es umherzurennen Mit Trumpf, Atout und ausgespielten Assen. Auf Seil und Räder scheint es aufzupassen Und ist an seinem Lärmen zu erkennen.
Es ist beschäftigt in der Gängelschwemme Und hochweis weht dann seine erzene Haube, Auf seinen Fingern zittern Hahnenkämme,
Mit schrillen Glocken kugelt es im Staube. Dann reißen plötzlich alle wehen Dämme Und aus der Kuckucksuhr tritt eine Taube.
Auch konnt es unserm Scharfsinn nicht entgehen, Daß ein Herr Geist uns zu bemäkeln pflegt, Indem er ein Pasquill zusammenträgt, Das ihm die Winde um die Ohren säen.
Bald kritzelt er, bald hüpft er aufgeregt Um uns herum, dann bleibt er zuckend stehen Und reckt den Schwartenhals, um zu erspähen, Was sich in unserm Kabinett bewegt.
Den Bleistiftstummel hat er ganz zerbissen, Die Drillichnaht ist hinten aufgeschlissen, Doch dünkt er sich ein Diplomatenjäger.
De fakto dient bewußter Schlingenleger Dem Kastellan als Flur- und Straßenfeger Und hat das Recht die Kübel auszugießen.
Ich bin der große Gaukler Vauvert. In hundert Flammen lauf ich einher. Ich knie vor den Altären aus Sand, Violette Sterne trägt mein Gewand. Aus meinem Mund geht die Zeit hervor, Die Menschen umfaß ich mit Auge und Ohr.
Ich bin aus dem Abgrund der falsche Prophet, Der hinter den Rädern der Sonne steht. Aus dem Meere, beschworen von dunkler Trompete, Flieg ich im Dunste der Lügengebete. Das Tympanum schlag ich mit großem Schall. Ich hüte die Leichen im Wasserfall.
Ich bin der Geheimnisse lächelnder Ketzer, Ein Buchstabenkönig und Alleszerschwätzer. Hysteria clemens hab ich besungen In jeder Gestalt ihrer Ausschweifungen. Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat Streu ich der Worte verfängliche Saat.
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Interpretation
Das Gedicht "Sieben schizophrene Sonette" von Hugo Ball ist ein experimentelles und expressionistisches Werk, das die Grenzen der traditionellen Lyrik sprengt. Ball verwendet eine fragmentierte und assoziative Sprache, um das Chaos und die Zerrissenheit der modernen Welt darzustellen. Das Gedicht besteht aus sieben Sonetten, die jeweils eine andere Facette der Schizophrenie erkunden. Die Sonette sind durch eine Vielzahl von Themen und Motiven verbunden, darunter Tod, Wahnsinn, Illusion und die Suche nach Bedeutung in einer sinnlosen Welt. Ball verwendet häufig groteske und absurde Bilder, um die Absurdität des menschlichen Daseins zu verdeutlichen. Zum Beispiel beschreibt er in einem Sonett einen Mann, der im Winter in Schnabelschuhen und Schnürkorsett überlebt hat und nun als Schlangenmensch im Teufelskabinett auftritt. Ein weiteres wiederkehrendes Thema ist die Kritik an der Gesellschaft und ihren Institutionen. Ball verspottet die Autoritäten, die Kirche und die Kunstwelt, die er als korrupt und heuchlerisch ansieht. Er setzt sich auch mit der Frage auseinander, was es bedeutet, ein Künstler in einer Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit zu sein. Insgesamt ist "Sieben schizophrene Sonette" ein herausforderndes und provokantes Werk, das den Leser dazu einlädt, über die Natur der Realität und die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung nachzudenken. Ball verwendet eine innovative und experimentelle Sprache, um die Komplexität und die Widersprüchlichkeit der modernen Welt zu erforschen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Johann, Amadeus Adelgreif, Fürst von Saprunt
- Anapher
- Ich bin ... Ich bin ... Ich bin
- Assonanz
- ausgedehnte Land braucht neue Gelder
- Bildsprache
- Wir, Johann, Amadeus Adelgreif, Fürst von Saprunt
- Enjambement
- Ich aber werde eure Worte pressen / In des Sonettes dunkle Kantilene
- Hyperbel
- In hundert Flammen lauf ich einher
- Ironie
- Sie sagten mir: nun wohl, das sei ein Karren
- Metapher
- Es rüttelt euch ein unterirdischer Schauer
- Personifikation
- Frau Natura kräftig promenierte
- Reimschema
- AABB
- Synästhesie
- violette Sterne trägt mein Gewand