Sieben Gedichte

Rainer Maria Rilke

1915

I

Auf einmal fasst die Rosenpflückerin die volle Knospe seines Lebensgliedes, und an dem Schreck des Unterschiedes schwinden die [linden] Gärten in ihr hin

II

Du hast mir, Sommer, der du plötzlich bist, zum jähen Baum den Samen aufgezogen. (Innen Geräumige, fühl in dir den Bogen der Nacht, in der er mündig ist.) Nun hob er sich und wächst zum Firmament, ein Spiegelbild das neben Bäumen steht. O stürz ihn, dass er, umgedreht in deinen Schoß, den Gegen-Himmel kennt, in den er wirklich bäumt und wirklich ragt. Gewagte Landschaft, wie sie Seherinnen in Kugeln schauen. Jenes Innen in das das Draußensein der Sterne jagt. [Dort tagt der Tod, der draußen nächtig scheint. Und dort sind alle, welche waren, mit allen Künftigen vereint und Scharen scharen sich um Scharen wie es der Engel meint.]

III

Mit unsern Blicken schließen wir den Kreis, dass weiß in ihm wirre Spannung schmölze. Schon richtet dein unwissendes Geheiß die Säule auf in meinem Schamgehölze.

Von dir gestiftet steht des Gottes Bild am leisen Kreuzweg unter meinem Kleide; mein ganzer Körper heißt nach ihm. Wir beide sind wie ein Gau darin sein Zauber gilt.

Doch Hain zu sein und Himmel um die Herme das ist an dir. Gieb nach. Damit der freie Gott inmitten seiner Schwärme aus der entzückt zerstörten Säule tritt.

IV

Schwindende, du kennst die Türme nicht. Doch nun sollst du einen Turm gewahren mit dem wunderbaren Raum in dir. Verschließ dein Angesicht. Aufgerichtet hast du ihn ahnungslos mit Blick und Wink und Wendung. Plötzlich starrt er von Vollendung, und ich, Seliger, darf ihn beziehn. Ach wie bin ich eng darin. Schmeichle mir, zur Kuppel auszutreten: um in deine weichen Nächte hin mit dem Schwung schoßblendender Raketen mehr Gefühl zu schleudern, als ich bin.

V

Wie hat uns der zu weite Raum verdünnt. Plötzlich besinnen sich die Überflüsse. Nun sickert durch das stille Sieb der Küsse des bittren Wesens Alsem und Absynth.

Was sind wir viel, aus meinem Körper hebt ein neuer Baum die überfüllte Krone und ragt nach dir: denn sieh, was ist er ohne den Sommer, der in deinem Schoße schwebt. Bist du′s bin ich′s, den wir so sehr beglücken? Wer sagt es, da wir schwinden. Vielleicht steht im Zimmer eine Säule aus Entzücken, die Wölbung trägt und langsamer vergeht.

VI

Wem sind wir nah? Dem Tode oder dem, was noch nicht ist? Was wäre Lehm an Lehm, formte der Gott nicht fühlend die Figur, die zwischen uns erwächst. Begreife nur: das ist mein Körper, welcher aufersteht. Nun hilf ihm leise aus dem heißen Grabe in jenen Himmel, den ich in dir habe: daß kühn aus ihm das Überleben geht. Du junger Ort der tiefen Himmelfahrt. Du dunkle Luft voll sommerlicher Pollen. Wenn ihre tausend Geister in dir tollen, wird meine steife Leiche wieder zart.

VII

Wie rief ich dich. Das sind die stummen Rufe, die in mir süß geworden sind. Nun stoß ich in dich Stufe ein um Stufe und heiter steigt mein Samen wie ein Kind. Du Urgebirg der Lust: auf einmal springt er atemlos zu deinem innern Grate. O gieb dich hin, zu fühlen wie er nahte; denn du wirst stürzen, wenn er oben winkt.

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Illustration zu Sieben Gedichte

Interpretation

Das Gedicht "Sieben Gedichte" von Rainer Maria Rilke ist eine poetische Erkundung der menschlichen Existenz, der Liebe und der Natur. Es besteht aus sieben Teilen, die jeweils unterschiedliche Aspekte dieser Themen behandeln. Im ersten Teil wird die plötzliche Erkenntnis der Protagonistin über die Sexualität und die damit verbundene Verwirrung und Furcht dargestellt. Im zweiten Teil wird die Metapher des Baumes verwendet, um den Prozess des Wachsens und Reifens zu beschreiben. Der dritte Teil thematisiert die Intimität und die körperliche Anziehung zwischen zwei Menschen. Der vierte Teil verwendet die Metapher des Turms, um die Tiefe und Komplexität der menschlichen Seele zu beschreiben. Im fünften Teil wird die Idee der gegenseitigen Abhängigkeit und Ergänzung in einer Beziehung dargestellt. Der sechste Teil behandelt die Themen Tod und Auferstehung, wobei der Körper als Symbol für die Vergänglichkeit und das Leben als Symbol für die Ewigkeit dient. Im siebten und letzten Teil wird die sexuelle Vereinigung als eine Art spirituelle Erfahrung dargestellt, bei der die Grenzen zwischen den Individuen verschwimmen. Insgesamt ist "Sieben Gedichte" ein tiefgründiges und vielschichtiges Werk, das die menschliche Erfahrung in all ihren Facetten erforscht. Es ist ein Zeugnis von Rilkes Fähigkeit, komplexe Themen in poetische Bilder zu übersetzen und den Leser zum Nachdenken und Fühlen anzuregen.

Schlüsselwörter

hin plötzlich steht himmel scharen säule körper einmal

Wortwolke

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Stilmittel

Anspielung
Am leisen Kreuzweg unter meinem Kleide
Bildhaftigkeit
Gieb nach. Damit der freie Gott inmitten seiner Schwärme aus der entzückt zerstörten Säule tritt
Enjambement
Wie hat uns der zu weite Raum verdünnt. Plötzlich besinnen sich die Überflüsse.
Hyperbel
mit dem Schwung schoßblendender Raketen
Kontrast
Was sind wir viel, aus meinem Körper hebt ein neuer Baum die überfüllte Krone
Metapher
die volle Knospe seines Lebensgliedes
Personifikation
der Engel meint
Symbolik
der Sommer, der in deinem Schoße schwebt