Sie, zu ihm

Kurt Tucholsky

1940

Ich hab dir alles hingegeben: mich, meine Seele, Zeit und Geld. Du bist ein Mann - du bist mein Leben, du meine kleine Unterwelt. Doch habe ich mein Glück gefunden, seh ich dir manchmal ins Gesicht: Ich kenn dich in so vielen Stunden - nein, zärtlich bist du nicht.

Du küßt recht gut. Auf manche Weise zeigst du mir, was das ist: Genuß. Du hörst gern Klatsch. Du sagst mir leise, wann ich die Lippen nachziehn muß. Du bleibst sogar vor andern Frauen in gut gespieltem Gleichgewicht; man kann dir manchmal sogar trauen … aber zärtlich bist du nicht.

O wärst du zärtlich! Meinetwegen

kannst du sogar gefühlvoll sein. Mensch, wie ein warmer Frühlingsregen so hüllte Zärtlichkeit mich ein! Wärst du der Weiche von uns beiden, wärst du der Dumme. Bube sticht. Denn wer mehr liebt, der muß mehr leiden. Nein, zärtlich bist du nicht.

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Illustration zu Sie, zu ihm

Interpretation

Das Gedicht "Sie, zu ihm" von Kurt Tucholsky beschreibt die emotionale Verfassung einer Frau, die ihrem Partner alles gegeben hat, aber von ihm keine Zärtlichkeit erfährt. Sie hat ihm ihre Seele, Zeit und Geld geschenkt und ihn als ihr Leben und ihre "kleine Unterwelt" bezeichnet. Doch wenn sie in sein Gesicht blickt, erkennt sie, dass er ihr nicht das Glück und die Zärtlichkeit bietet, die sie sich wünscht. Die Frau beschreibt ihren Partner als einen Mann, der zwar gut küssen kann und ihr Vergnügen bereitet, aber auch gerne Klatsch hört und ihr sagt, wann sie die Lippen nachziehen muss. Er bleibt auch in Anwesenheit anderer Frauen in einem gespielten Gleichgewicht und kann manchmal sogar vertrauenswürdig sein. Doch trotz alledem fehlt ihm die Zärtlichkeit, die die Frau so sehr vermisst. Die Frau sehnt sich danach, dass ihr Partner zärtlich wäre, auch wenn er dabei gefühlvoll sein könnte. Sie vergleicht die Zärtlichkeit mit einem warmen Frühlingsregen, der sie umhüllen würde. Sie wünscht sich, dass er der Weiche von beiden wäre und der Dumme, denn wer mehr liebt, muss auch mehr leiden. Doch letztendlich akzeptiert sie die Tatsache, dass ihr Partner nicht zärtlich ist.

Schlüsselwörter

zärtlich sogar wärst manchmal gut muß mehr hab

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Stilmittel

Bildsprache
[wie ein warmer Frühlingsregen Meine kleine Unterwelt]
Ironie
[Wärst du der Weiche von uns beiden, wärst du der Dumme. Bube sticht.]
Kontrast
[Du bist ein Mann - du bist mein Leben Mensch, wie ein warmer Frühlingsregen so hüllte Zärtlichkeit mich ein! Wärst du der Weiche von uns beiden, wärst du der Dumme. Bube sticht.]
Metapher
[du meine kleine Unterwelt wie ein warmer Frühlingsregen]
Wiederholung
[zärtlich bist du nicht Du bist ein Mann - du bist mein Leben Meinetwegen]