Sie wird mir einst begegnen, irgendwann

Anton Wildgans

1925

Sie wird mir einst begegnen, irgendwann, Wie einem auf verdroßnen Wanderungen Ein Lied einfällt, das er als Kind gesungen; Seither sind Viele tot, und er ist Mann.

Und freut sich wie ein Kind, daß er′s noch kann; Denn während er zur Klarheit sich gerungen, Ist manche Saite in ihm abgesprungen … Sie wird mir einst begegnen – irgendwann

Und wird mich fragen nicht: Woher? Wohin? Und wird in mich nicht drängen: Weile, raste! Einer wie ich ist immer nur zu Gaste –

Und größer wird sie sein durch Demutsinn Als jene, die wie Krämer Liebe geben: Nur Zug um Zug und Leben gegen Leben.

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Illustration zu Sie wird mir einst begegnen, irgendwann

Interpretation

Das Gedicht "Sie wird mir einst begegnen, irgendwann" von Anton Wildgans beschreibt die Erwartung einer besonderen Begegnung, die der Sprecher als unausweichlich und tief vertraut empfindet. Die Begegnung wird mit einem Kindheitslied verglichen, das einem Wanderer plötzlich einfällt – ein Moment der unerwarteten Vertrautheit und Freude, der trotz der vergangenen Zeit und der erlebten Veränderungen bestehen bleibt. Der Sprecher reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens, da viele Menschen gestorben sind, während er selbst erwachsen geworden ist. Die Begegnung wird als etwas beschrieben, das ohne Forderungen oder Erwartungen stattfindet. Die Person, die dem Sprecher begegnen wird, wird nicht nach Herkunft oder Ziel fragen und auch nicht darauf drängen, dass er verweilt oder sich ausruht. Der Sprecher fühlt sich als ständiger Gast, was auf eine gewisse Unbeständigkeit oder Ungebundenheit in seinem Leben hindeutet. Diese Begegnung wird als etwas Größeres und Tieferes dargestellt als die üblichen Liebesbeziehungen, die wie ein Geschäft funktionieren – "Zug um Zug und Leben gegen Leben". Die Person, die dem Sprecher begegnen wird, zeichnet sich durch Demut aus, was sie in den Augen des Sprechers größer und bedeutungsvoller macht als jene, die Liebe als einen Tauschhandel betrachten. Die Begegnung wird als ein Geschenk ohne Bedingungen oder Erwartungen dargestellt, was sie zu etwas Besonderem und Unvergesslichem macht. Der Sprecher erwartet diese Begegnung mit einer Mischung aus Sehnsucht und Resignation, da er weiß, dass sie irgendwann stattfinden wird, aber nicht weiß, wann oder wie.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Sie wird mir einst begegnen – irgendwann
Hyperbel
Einer wie ich ist immer nur zu Gaste
Metapher
Nur Zug um Zug und Leben gegen Leben
Personifikation
Ist manche Saite in ihm abgesprungen
Vergleich
Seither sind Viele tot, und er ist Mann