Sie schläft
Morgens, vom letzten Schlaf ein Stück,
nimm mich ein bißchen mit –
auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück –
Die Zeituhr geht ihren harten Schritt …
pick-pack …
»Sie schläft mit ihm« ist ein gutes Wort.
Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen.
Zwei sind keins. Es knistern die kleinen Flammen,
aber dein Atem fächelt sie fort.
Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück –
jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein.
Morgens, im letzten Schlummer ein Stück,
kann ich dein Gefährte sein.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Sie schläft“ von Kurt Tucholsky ist eine melancholische Reflexion über Liebe, Verlust und die Unvereinbarkeit von Nähe und Distanz. Es beschreibt eine Szene der Trennung, in der der Sprecher die Abwesenheit der geliebten Person, die „mit ihm“ schläft, betrauert und in der Stille des Morgens eine surreale Verbindung zu ihr sucht. Das Gedicht spielt mit dem Kontrast zwischen der realen Trennung und dem flüchtigen Glück des gemeinsamen Traums.
Im ersten Teil wird die Atmosphäre des Übergangs vom Schlaf zum Wachsein eingefangen, begleitet von der unerbittlichen Zeit, die durch das Onomatopoetikum „pick-pack“ versinnbildlicht wird. Der Sprecher bittet, in den verbleibenden Träumen der Geliebten präsent sein zu dürfen, um „mit“ ihr auf einem „Traumboot zu gleiten“. Dies deutet auf das Sehnen nach Gemeinschaft und die Flucht aus der harten Realität hin. Die Zeile „Die Zeituhr geht ihren harten Schritt“ unterstreicht die Endlichkeit der Zeit und die Unvermeidlichkeit des Verlusts, der durch die Trennung von der Geliebten entsteht.
Der zweite Teil des Gedichts taucht tiefer in die Trauer und das Gefühl der Entfremdung ein. Die Formulierung „Sie schläft mit ihm“ ist mehr als nur eine Feststellung; sie ist ein Ausdruck der Eifersucht und der Ohnmacht. Der Schlaf wird zu einem Raum, in dem sich das „Dunkle zusammen“ fügt, was die Verbundenheit der beiden Liebenden im Traum andeutet. Der Sprecher fühlt sich von der Welt ausgeschlossen und wünscht sich, in ihr, also in der Beziehung, nicht mehr zurückzukehren, da die Geliebte nicht bei ihm ist. Doch ironischerweise findet er in der Abwesenheit der Geliebten eine paradoxe Form der Intimität: „jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein“. Dies spiegelt die bittersüße Natur der Liebe und des Verlusts wider.
Die letzten Zeilen kehren zu der Atmosphäre des Morgens und der flüchtigen Träume zurück. Der Sprecher findet Trost und eine Form der Verbundenheit in der Vorstellung, im letzten Schlummer der Geliebten ihr „Gefährte“ zu sein. Diese Zeile verdeutlicht das Sehnen nach Nähe und die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Erleben, auch wenn es nur in der Welt der Träume möglich ist. Tucholsky gelingt es, in wenigen Versen eine komplexe emotionale Landschaft zu zeichnen, die von Trauer, Sehnsucht und der Suche nach Trost in der Unausweichlichkeit der Trennung geprägt ist.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.