Sie erlischt
1797Der Vorhang fällt, das Stück ist aus, Und Herrn und Damen gehn nach Haus. Ob ihnen auch das Stück gefallen? Ich glaub, ich hörte Beifall schallen. Ein hochverehrtes Publikum Beklatschte dankbar seinen Dichter. Jetzt aber ist das Haus so stumm, Und sind verschwunden Lust und Lichter. Doch horch! ein schollernd schnöder Klang Ertönt unfern der öden Bühne; - Vielleicht, daß eine Saite sprang An einer alten Violine. Verdrießlich rascheln im Parterr′ Etwelche Ratten hin und her, Und alles riecht nach ranz′gem Öle. Die letzte Lampe ächzt und zischt Verzweiflungsvoll, und sie erlischt. Das arme Licht war meine Seele.
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Interpretation
Das Gedicht "Sie erlischt" von Heinrich Heine beschreibt den Abschluss einer Theateraufführung und den Übergang von der lebendigen, applaudierenden Atmosphäre zur stillen, verlassenen Bühne. Die Stimmung wechselt von der Aufregung des Applauses zu einer düsteren, fast unheimlichen Szene. Das einst belebte Theater wird zu einem Ort der Stille und des Verfalls, symbolisiert durch die Geräusche von Ratten und den Geruch von ranzigem Öl. Die letzte Lampe, die ächzt und zischt, bevor sie erlischt, dient als Metapher für die Seele des Dichters, die in der Dunkelheit und Einsamkeit versinkt. Heine verwendet die Bühne und ihre Elemente als Symbole für das Leben und die künstlerische Schöpfung. Der Vorhangfall markiert das Ende einer Vorstellung, aber auch das Ende eines kreativen Prozesses. Die verlassene Bühne mit ihren verfallenden Elementen spiegelt die Vergänglichkeit und die Einsamkeit wider, die oft mit dem künstlerischen Schaffen einhergehen. Die Seele des Dichters, verglichen mit dem letzten Licht, das erlischt, deutet auf die tiefe Verbindung zwischen dem Künstler und seiner Arbeit hin, sowie auf die Verletzlichkeit und die Vergänglichkeit des kreativen Geistes. Das Gedicht endet mit einer starken Bildsprache, die die Endgültigkeit und die Tragik des erlöschenden Lichts betont. Die Seele des Dichters, die mit dem Licht gleichgesetzt wird, erlischt in der Dunkelheit, was die Isolation und die innere Leere symbolisiert, die nach dem kreativen Akt zurückbleiben können. Heine vermittelt eine tiefe Melancholie und die Erkenntnis, dass die Anerkennung des Publikums flüchtig ist und die wahre Existenz des Künstlers oft von Einsamkeit und Verzweiflung geprägt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- schollernd schnöder Klang
- Kontrast
- Jetzt aber ist das Haus so stumm, Und sind verschwunden Lust und Lichter.
- Metapher
- Das arme Licht war meine Seele.
- Onomatopoesie
- schollernd
- Personifikation
- Die letzte Lampe ächzt und zischt verzweiflungsvoll, und sie erlischt.
- Symbolik
- Das erlöschende Licht symbolisiert das Ende oder den Tod der Seele.