Sicilianische Lieder (9) - Die Frauen

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Lasset Schul′ und Katheder und Beichtstuhl, Kanzel und Hörsaal, Bücher und Bibliothek, laßt sie und höret mich an. Eifrer der Frömmigkeit, euch preis′ ich Siciliens Frauen; Denn ein herrlich Geschlecht schmücket Trinakrien noch. Fremden gefällig, von lüsternem Geist, von feurigen Sinnen, Wer vermöcht′ euch darum, Töchter von Zankle, zu schmähn? Zarte Kinder, von blondem Gelock, blauglänzenden Augen Bietet Catania dir, bietet die freundliche dar. Zwar kaum hatte den goldenen West, den reinen, die erste Abendröthe mit Gluth über dem Hybla gefärbt: Sieh, und es zeigt vom Balkon ein Liebchen mir schon Arethusa, Und Ortygia dünkt längst mir die Heimath zu sein. Doch nicht wüßt′ ich darum Syrakusas Töchter zu preisen, Denn mit der Quelle gefolgt sind sie dem niederen Dienst. Frisches Blut und kräft′ge Natur und edle Gesundheit, Unverdorbene Zucht, fern der Verführung der Welt Findest am Aetna du, wo Indiens Feig′ und die Rebe, Wo Orang′ und Granat glückliche Städte bedeckt. Oder im fernen Buscemi, im pinienumgrünten Piazza, Oder auf luftigem Fels, auf dem gigantischen dort, Wo mit Dianen einst Proserpina Veilchen gepflücket Und Aphrodite selbst heilige Keuschheit bewahrt; Oder auf Trapanis Berg, nur daß die blühenden Reize Neidisch der Schleier dem Blick hier, der arab′sche, bedeckt. Dennoch aber der Preis der hohen Königin sei er, Mutter der schönsten Frau′n, dir, o Palermo, geweiht. Denn wie du selbst die erhabenste bist der Städte, wie üppig Berg und Hügel und Thal Flora mit Blüthen bedeckt, Hat die Natur, die mit Palmen dich schmückt und Aloe, der Menschheit Zärteste Blumen auch euch, reizende Frauen, geliebt. Hört′s, o Eifrer, an Süßigkeit gleicht Palermos Orangen Kein′, und Palermos Geschlecht gleicht in Trinakrien keins. Nun zu Schul′ und Katheder, zu Beichtstuhl, Kanzel und Hörsaal, Bücher und Bibliothek kehret mir wieder zurück. Nennet euch tugendhaft und schmähet mich fort, doch die Strafe Giebt sich selber wer nie menschliche Liebe gefühlt.

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Illustration zu Sicilianische Lieder (9) - Die Frauen

Interpretation

Das Gedicht "Sicilianische Lieder (9) - Die Frauen" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Lobpreisung der Frauen Siziliens. Der Sprecher fordert die Gelehrten und Geistlichen auf, ihre Bücher beiseitezulegen und ihm zuzuhören. Er preist die Frauen Siziliens als ein herrliches Geschlecht, das die Insel Trinakrien (Sizilien) noch schmückt. Waiblinger beschreibt die Frauen verschiedener sizilianischer Städte und ihre Eigenschaften. In Catania werden zarte Kinder mit blondem Haar und blauen Augen geboten. In Syrakus findet der Sprecher Arethusa auf dem Balkon, die ihn an seine Heimat erinnert. Doch er möchte Syrakusas Töchter nicht preisen, da sie der niederen Dienstbarkeit gefolgt sind. Das Gedicht hebt die Schönheit und Tugend der Frauen aus verschiedenen Regionen Siziliens hervor. Am Aetna findet man frisches Blut, kräftige Natur und edle Gesundheit, fernab von weltlicher Verführung. In Palermo, der höchsten Stadt Siziliens, hat die Natur die zärtlichsten Blumen, die Frauen, geliebt. Der Sprecher betont, dass die Süßigkeit der Orangen Palermos und die Schönheit des sizilianischen Geschlechts einzigartig sind. Am Ende des Gedichts fordert der Sprecher die Gelehrten und Geistlichen auf, zu ihren Büchern und Studien zurückzukehren. Er bittet sie, sich tugendhaft zu nennen und ihn zu schmähen, aber er betont, dass die Strafe für diejenigen gilt, die nie menschliche Liebe gefühlt haben.

Schlüsselwörter

bedeckt schul katheder beichtstuhl kanzel hörsaal bücher bibliothek

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Stilmittel

Alliteration
Zärteste Blumen auch euch, reizende Frauen, geliebt
Anapher
Lasset Schul′ und Katheder und Beichtstuhl, Kanzel und Hörsaal, Bücher und Bibliothek, laßt sie und höret mich an.
Hyperbel
Denn ein herrlich Geschlecht schmücket Trinakrien noch.
Kontrast
Oder im fernen Buscemi, im pinienumgrünen Piazza, Oder auf luftigem Fels, auf dem gigantischen dort
Metapher
Zarte Kinder, von blondem Gelock, blauglänzenden Augen
Personifikation
Flora mit Blüthen bedeckt
Vergleich
Hört′s, o Eifrer, an Süßigkeit gleicht Palermos Orangen Kein′