Sicilianische Lieder (4)
1893Glaub′ ich′s, daß ihr nun auch mein trinakrisch Glück mir beneidet? Eifrer der Heimath, ihr seid, heilige Frömmler, gemeint. »Unersättlich nach Sinnengenuß, von Freude zu Freude Jagt er bethört und bedenkt nicht, daß die Nemesis naht. Irdischem neigt sich der Sinn, der verwilderte. Bessrer Empfindung, Frommer und reiner, verschließt er das vergiftete Herz. Sitte achtet er nicht noch Gesetz, nicht Glauben und Schule, Den die Willkür allein, den die Begierde beherrscht. So der Heimath entflohn von dem ernsteren Gange des Lebens Schwelgt er in Lust und Genuß selbst bis an Lybiens Strand.« Schweigt, o Kinder des Lichts, ihr auserkohrenen Lämmer; Ja, verkünd′ ich es nur, größrer Entzückungen Rausch, Kühnere Orgien feiert′ ich nicht, seitdem mir des Lebens Schäumender Becher den Mund freieren Geistes berührt. Ja, gesteh′ ich′s euch nur, ich schämte mich selber der Heimath, Wärt ihr das Aermlichste nicht, was noch die Mutter gebar, Zeugte die Stammburg einst, die zertrümmerte, theure, die Helden, Das unsterbliche Paar, staufische Friedriche nicht. Hör′s, engbrüstig Geschlecht, ich verberge dir nichts, ich bekenne Stolz und freudig, wie Zeus reich mir die Tage geschenkt. Bald am Anapus weil′ ich, es gleitet der Kahn zu der Quelle, Und auf dem flüssigen Pfad schattet die Blume des Nils. Bald umschweben die Göttinnen mich im seligen Enna, Und die Stunde, da mir Helios einst sich erhob Ueber des Aetnas Riesengebild, nicht, glaub′ ich, ihr gleichet, Währt es auch Ewigkeit, all euer Leben an Werth. Bald in duftigen Hainen besuch ich des Akragas Tempel, Einen ganzen Olymp birgt mir das liebliche Grün. Selinunts Titanenruin und der stolzen Segesta Troisches Säulenhaus ladet den Glücklichen ein. Bald nach Karthagos Trümmern vom lilybäischen Strande Wünsch′ ich mich über die See, über die lybische, weg. Unter Marsalas Palmen und hesperidischen Reben Wandr′ ich zum heiligen Berg, hört es, zum Eryx hinan. Schmähet ihr noch, so ruf ich dich an, o Genius: Lehre Dithyrambischen Worts stolzre Bedeutungen mich So entströme die Flamme des Aetnas Grunde, so wälze Donnernd der purpurne Strom sich aus der Tiefe hervor; So umstürme des Gipfels Orkan den begeisterten Sinn mir, Und der brausende Dampf werde mir delphische Gluth; So umdufte das Veilchen Proserpinas Fels und vom Eryx Nahe voll zärtlicher Gluth, nahe mit rosigem Arm Mir das schönste der Mädchen, es nah′ Amathusia selbst mir Und kredenze des Kelchs ewig verjüngenden Trank. Schon durchglüht mich die Flamme, vernehmt′s: Was ist′s, wenn im Taumel Eurer zu spotten ich mir Apotheose geträumt!
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Interpretation
Das Gedicht "Sizilianische Lieder (4)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die leidenschaftliche Begeisterung des lyrischen Ichs für Sizilien und seine Weigerung, sich von den moralischen Vorwürfen seiner Heimat beeinflussen zu lassen. Das Ich feiert die sinnlichen Freuden und die Schönheit der sizilianischen Landschaft, von den Quellen des Anapus bis zum Gipfel des Ätna. Es verspottet die Enge und das kleinliche Urteil seiner Heimat, die es als unwürdig erachtet, die Größe seiner Vorfahren fortzuführen. Das lyrische Ich behauptet stolz, dass es von der Göttin der Fülle, Zeus, mit reichen Tagen beschenkt wurde und dass es die sizilianischen Orte wie Enna, Akragas, Selinunt und Segesta als wahre Paradiese erlebt. Es wünscht sich sogar, über das Meer nach Karthago und zum heiligen Berg Eryx zu reisen, um dort noch mehr Schönheit und Genuss zu finden. Das Ich fordert den Genius auf, ihm die Kraft und die Worte zu geben, um seine ekstatische Liebe zu Sizilien auszudrücken. Das Gedicht endet mit einer trotzigen Erklärung des lyrischen Ichs, dass es sich nicht darum schert, ob es von seiner Heimat verspottet wird, solange es sich in der Verklärung Siziliens selbst zur Gottheit erheben kann. Das Ich lebt in einem Rausch der Verzauberung und will sich von niemandem seine ekstatische Liebe zu Sizilien und seinen sinnlichen Genüssen nehmen lassen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Bald am Anapus weil' ich, es gleitet der Kahn zu der Quelle,
- Anapher
- Bald am Anapus weil' ich, es gleitet der Kahn zu der Quelle, Und auf dem flüssigen Pfad schattet die Blume des Nils. Bald umschweben die Göttinnen mich im seligen Enna, Und die Stunde, da mir Helios einst sich erhob
- Anspielung
- ja, größrer Entzückungen Rausch, Kühnere Orgien feiert' ich nicht, seitdem mir des Lebens
- Apostrophe
- Schweigt, o Kinder des Lichts, ihr auserkohrenen Lämmer;
- Enjambement
- Bald am Anapus weil' ich, es gleitet der Kahn zu der Quelle, Und auf dem flüssigen Pfad schattet die Blume des Nils.
- Hyperbel
- Währt es auch Ewigkeit, all euer Leben an Werth.
- Ironie
- Wärt ihr das Aermlichste nicht, was noch die Mutter gebar,
- Metapher
- Schäumender Becher den Mund freieren Geistes berührt.
- Personifikation
- So entströme die Flamme des Aetnas Grunde, so wälze Donnernd der purpurne Strom sich aus der Tiefe hervor;
- Vergleich
- Und auf dem flüssigen Pfad schattet die Blume des Nils.