Sicilianische Lieder (3) - Religionen
1890Laßt mich schwärmen und quälet mich nicht; im Lande der Fabel Leb′ ich, so sei auch mein Herz, sei auch mein Lied ihr geweiht. Bleibt in den Fesseln und glaubt was euch die Amme gelehret; Anderes aber bewegt mir den entbundenen Geist. Dieser Boden, er trug der Offenbarungen jede; Jupiter, Mahom und Christ glaubt′ und verehrte man hier. Drum verarget mir nicht, wenn mir der Tempel Girgenti Mehr als der maurische Dom Opfer und Andacht verdient; Wenn dein uranisches Wundergebild, Syrakus, wenn die Göttin Mehr als das heilige Holz heute dem Auge gefällt. Dir gestatt′ ich dafür, daß du deutschthümlicher Salbung Lebest für gothische Kunst, gothischen Glaubens erstirbst. Erst ein Jude, dann Christ, erst Protestant, dann katholisch, Wahrlich ein Heiland, doch erst will ich am Kreuze dich sehn.
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Interpretation
Das Gedicht "Sicilianische Lieder (3) - Religionen" von Wilhelm Friedrich Waiblinger behandelt das Thema der religiösen Vielfalt und Toleranz. Der Sprecher fordert, dass man ihm erlaubt, frei zu schwärmen und seine Gedanken zu äußern, ohne ihn zu quälen. Er lebt im Land der Fabel und möchte, dass auch sein Herz und sein Lied diesem gewidmet sind. Er betont, dass andere Menschen in ihren Fesseln bleiben und an das glauben sollen, was ihnen die Amme gelehrt hat, während er selbst einen befreiten Geist hat, der sich von solchen Zwängen löst. Der Sprecher erwähnt, dass der Boden, auf dem er steht, viele Offenbarungen getragen hat. Er nennt Jupiter, Mahom und Christ als Beispiele für verschiedene Glaubensrichtungen, die hier geglaubt und verehrt wurden. Er bittet darum, nicht verärgert zu sein, wenn ihm der Tempel von Girgenti mehr Opfer und Andacht wert ist als der maurische Dom. Ebenso bevorzugt er das uranische Wundergebild von Syrakus und die Göttin gegenüber dem heiligen Holz. Er gesteht dem Leser zu, dass er für deutschthümliche Salbung lebt und für gotische Kunst und Glauben stirbt. Er erwähnt, dass er erst ein Jude, dann ein Christ, erst ein Protestant und dann ein Katholik war. Er betont, dass er einen wahren Heiland sehen möchte, aber erst, wenn er am Kreuze ist. Insgesamt drückt das Gedicht eine Offenheit für verschiedene religiöse Überzeugungen aus und plädiert für Toleranz und Respekt gegenüber unterschiedlichen Glaubensrichtungen. Der Sprecher zeigt sich bereit, verschiedene Formen des Glaubens zu akzeptieren und zu schätzen, solange sie ihm ermöglichen, seinen eigenen Geist zu entfalten und frei zu sein.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allusion
- Jupiter, Mahom und Christ
- Anapher
- Laßt mich schwärmen und quälet mich nicht; im Lande der Fabel
- Gegensatz
- Dir gestatt′ ich dafür, daß du deutschthümlicher Salbung Lebest für gothische Kunst, gothischen Glaubens erstirbst
- Metapher
- Wahrlich ein Heiland, doch erst will ich am Kreuze dich sehn
- Parallelismus
- Erst ein Jude, dann Christ, erst Protestant, dann katholisch
- Personifikation
- Denn dieser Boden, er trug der Offenbarungen jede
- Vergleich
- Mehr als der maurische Dom Opfer und Andacht verdient