Sicilianische Lieder (2) - Die Felsen der Cyklopen
1804Wandle die Gärten, die blühenden, hin am Fuße des Aetna, Purpurn bietet dir noch Indiens Feige die Frucht. Schwellend drängt sich zur Erde die Traub′ und rankt um die Säule, Ueber dem niedrigen Dach lacht die Orange dir zu. Haus und Garten umschließt das düstere Lavagemäuer, Ueber vulkanisch Gestein führet die Straße dich selbst. Da ermangelt das liebliche Grün, du wandelst in Felsen; Eine Wildniß erschließt sich dem befremdeten Blick. Unten rauscht um das Felsengestad die krystallene Woge, Die das mildeste Licht südlichen Himmels durchglänzt. Kaum entdeckst du das Dörfchen am öden Ufer des Meeres, Fischer nähret in ihm, ärmliche, Vater Neptun. Doch gewaltig entsteigen der Fluth die cyklopischen Klippen, Schwarzen Thürmen vergleichst du ihr gigantisches Bild. Hier, o Muse Homers, naht′ einst der troische Wandrer In zehnjähriger Fahrt irrend Trinakriens Strand. Und des Ithakers denk′ ich, des schlaun, dem in mächtiger Höhle Der gefräß′ge Cyklop Freund′ und Gefährten verschlang. Doch er blendete tapfer den Feind und mit blöckender Heerde Stahl sich der griechische Held muthig die Grotte heraus. Aber die Felsen, wo oft in der Barke der Fischer mich rudert, Warf der ergrimmte Cyklop nach dem entflohenen Feind. Dank, o Vater Homer, am Strande des waldigen Aetna Irrend, wie Dulder Ulyß, hab′ ich dein Märchen gefühlt. Doch gern denk′ ich den Sohn der Erde mir auch, da der Liebe Schelmischer Gott ihm ins Herz blutige Pfeile gesandt, Da er gelagert am felsigen Strand der Nymphe des Meeres, Ein Verschmähter, den Schmerz brennender Liebe geklagt. Und wie gerne der Mensch in Anderer Leiden und Freuden Seines Herzens Geschick thätig genießt und beweint, Wie der griechische Wandrer mir oft die eigene Irrfahrt Auf der flüchtigen Welt täuschenden Bahnen gezeigt: Kehrt mir vergangene Liebe zurück und vergangener Kummer, Und am Ufer erschleicht manche Erinnerung mich. Nymphe der blauen Wellen, so noch den krystallenen Abgrund Deine Gottheit bewohnt, höre den Flehenden an. Dünke mein Wort dir albern wie einst das Liebesgeplauder Des Cyklopen, es sei doch mein Gedanke dir kund: Viel einst hab′ ich geliebt und Alles hab′ ich verloren, Was ich mir treu, was ich einst mein bis zum Grabe geglaubt. Unaussprechlicher Schmerz erfüllte da mir die Seele; Denn an ein fremdes Sein hatt′ ich das eigne geknüpft. Einem Baum verglich ich mein Herz, den die Wetter geschlagen, Dem schon im Frühling der Sturm Blüthen und Blätter geraubt. Doch nun seh′ ich ihn männlich gereift im heiteren Sommer Kräftigen Stammes und tief wurzelnd im fruchtbaren Grund. Früchte trägt er, und glücklich enttäuscht auf die Träume der Jugend Blick′ ich zurück und es ist nun auch die Ernte nicht fern. Drum verarge mir nicht, o verschmähende Göttin des Meeres, Such′ ich mein höchstes Glück jetzt in der Liebe nicht mehr Sei ihm offen das frische Gemüth, doch begnüge sich Amor, Freund und Gespiele, doch nicht Herr und Gebieter zu sein. Noch, Galathea, hat mich kein sprödes Mädchen verschmähet, Aber trifft mich das Loos, bin ich zu dulden bereit.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Felsen der Cyklopen" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die Landschaft Siziliens am Fuße des Ätna und die mythischen Felsen der Kyklopen. Es beginnt mit einer idyllischen Beschreibung der blühenden Gärten und der üppigen Natur, die von exotischen Früchten wie der indischen Feige und der Orange geprägt ist. Die Atmosphäre wechselt, als der Dichter in die düstere und wilde Gegend der Lavagesteine eintaucht, die an eine Wildnis erinnert. Die kristallenen Wellen des Meeres und das kleine Fischerdorf am öden Ufer kontrastieren mit den gewaltigen, schwarzen Klippen der Kyklopen, die gigantischen Türmen ähneln. Waiblinger verbindet die natürliche Schönheit Siziliens mit der griechischen Mythologie, insbesondere den Geschichten aus Homers "Odyssee". Er erinnert an den trojanischen Wanderer Odysseus und den klugen Ithaker, der den gefräßigen Kyklopen Polyphemus blendete und mit seinen Gefährten aus der Höhle entkam. Die Felsen, wo der Fischer den Dichter rudert, wurden von dem erzürnten Kyklopen nach dem entflohenen Feind geworfen. Der Dichter dankt Homer dafür, dass er durch die Lektüre seiner Werke die eigene Irrfahrt auf den täuschenden Bahnen der Welt nachvollziehen konnte. Das Gedicht endet mit einer persönlichen Reflexion des Dichters über Liebe und Verlust. Er denkt an den Sohn der Erde, den Kyklopen, der von dem schelmischen Gott der Liebe mit blutigen Pfeilen getroffen wurde und am felsigen Strand der Meeresnymphe seinen Schmerz beklagte. Der Dichter vergleicht sich mit dem Kyklopen und bittet die Nymphe der blauen Wellen, sein Wort anzuhören. Er gesteht, dass er einst viel geliebt und alles verloren hat, was er sich treu und bis zum Grab geglaubt hatte. Doch nun sieht er sich als einen Baum, der vom Sturm geschlagen wurde, aber im Sommer kräftig und tief verwurzelt wächst. Der Dichter hat gelernt, dass er sein höchstes Glück nicht mehr in der Liebe sucht, sondern sich mit Freundschaft und Kameradschaft begnügt, ohne Amor zum Herrn und Gebieter zu machen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allusion
- Hier, o Muse Homers, naht' einst der troische Wandrer
- Anapher
- Doch gewaltig entsteigen der Fluth die cyklopischen Klippen
- Bildsprache
- Eine Wildniß erschließt sich dem befremdeten Blick
- Hyperbel
- Noch, Galathea, hat mich kein sprödes Mädchen verschmähet
- Kontrast
- Doch nun seh' ich ihn männlich gereift im heiteren Sommer
- Metapher
- Das höchste Glück jetzt in der Liebe nicht mehr
- Parallelismus
- Und wie gerne der Mensch in Anderer Leiden und Freuden
- Personifikation
- Ueber dem niedrigen Dach lacht die Orange dir zu
- Symbolik
- Früchte trägt er, und glücklich enttäuscht auf die Träume der Jugend
- Vergleich
- Einem Baum verglich ich mein Herz