Sicilianische Lieder (11) - Palermo
1893Aber warum von Palermo du schweigst? Normännischer Baukunst, Gothischer Kirchen ist dort, maur′scher Paläste so viel. Denke des Domes nur in Monreale, des alten, Frommer Mosaik, des Styls, der nur gerecht ist vor Gott. Wie, von Palermo zu hören, ihr wünscht es, christlichen Freunde? Nun doch, wie immer, bin ich euch zu erzählen bereit. Morgens weih′ ich ein Stündchen mir selbst und meinen Gedanken. Drauf in den Wagen - er ist reinlich und hübsch und bequem - Oder durchs laute Gewühl des überfüllten Toledo Dräng′ ich mich auch und mir dünkt hier in Neapel zu sein. Vieles beschäftigt mich, mich erfreut das Getümmel, der Reichthum, Mich der thätige Trieb, mich die alltägliche Welt. Weih′ ich aber dem Schönen den Blick, gleich erfaßt mich ein Bettler Winselnd und weißen Barts, nackt wie das Weib ihn gebar. Gern besuch ich die Freunde, die wohlgesinnten, und Nektar, Altsikulischer, giebt Leben und Scherz dem Gespräch. Meist doch streif′ ich am Strande des Meers und betrachte die Barken Und die Schiffer, wie sie hier zu Rosaliens Berg, Oder zum Kap hinschweben von Zafaran, mich belustigt Jetzt die städtische Pracht, Gärten und Park und Palast, Jetzt das lieblichste Bild äolischer Inseln. Es führt mich Stunden und Tage der Weg so durch Palermos Natur. Alle Berg′, ich erklettre sie kühn; doch bist du vor allen, Fels′ger Cypressenpark, Bocca di Falco, mir lieb. Auch die Gärten durchwandl′ ich und sehe Brasiliens Pflanzen Frei, in glücklicher Luft, wie in der Heimath erblühn. Werd′ ich müde, so lockt die Citron′, es lockt mich der Maulbeer In den Schatten und reicht Schutz vor der Sonne Gewalt. Aber den Durst, bald stillt ihn Indiens stachliche Feige, Bald der Brunnen und bald stillt ihn der süße Sorbet. Denn am Abend kehr′ ich zur Stadt, und muntre Gesellschaft, Wie dem Vogel die Luft, ist sie mir nöthig, o Freund. Christlicher Freund, dich hab′ ich gemeint; doch zu guter Gesellschaft, Merk es, zähl′ ich bei Nacht immer ein Liebchen dazu.
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Interpretation
Das Gedicht "Sicilianische Lieder (11) - Palermo" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die Schönheit und Vielfalt der Stadt Palermo sowie die Eindrücke des lyrischen Ichs während eines Aufenthalts dort. Der Sprecher erwähnt zunächst die normannische Baukunst, gotische Kirchen und maurische Paläste, die in Palermo zu finden sind. Er verweist auf den Dom in Monreale als Beispiel für die beeindruckende Baukunst und die frommen Mosaiken. Das lyrische Ich schildert seinen Alltag in Palermo, der von Morgensstunden der Selbstreflexion und Gedanken geprägt ist. Danach erkundet er die Stadt entweder mit einem sauberen und bequemen Wagen oder durch das überfüllte Toledo-Viertel, das ihn an Neapel erinnert. Die geschäftige Atmosphäre, der Reichtum und die alltägliche Welt beschäftigen und erfreuen ihn. Doch wenn er den Blick auf das Schöne richtet, wird er von einem Bettler mit weißem Bart und nacktem Körper angesprochen, der ihn an die Armut und Not erinnert. Das lyrische Ich besucht gerne Freunde und genießt alt-sizilianischen Nektar, der das Gespräch mit Leben und Scherz erfüllt. Oft streift er jedoch am Strand entlang, beobachtet die Boote und Schiffer, die zu Rosaliens Berg oder zum Kap von Zafaran unterwegs sind. Er ist gleichermaßen fasziniert von der städtischen Pracht mit Gärten, Parks und Palästen wie auch von der malerischen Schönheit der äolischen Inseln. Er erklimmt mutig die Berge, wobei ihm der felsige Cypressenpark Bocca di Falco besonders am Herzen liegt. Die Gärten mit brasilianischen Pflanzen, die frei und glücklich in der sizilianischen Luft erblühen, ziehen ihn an. Bei Müdigkeit locken Zitronenbäume und Maulbeerbäume mit ihrem Schatten und Schutz vor der Sonne. Um seinen Durst zu stillen, greift er auf indische Feigen, Brunnen oder süßen Sorbet zurück. Am Abend kehrt das lyrische Ich in die Stadt zurück und sehnt sich nach geselliger Gesellschaft, die ihm so wichtig ist wie die Luft für einen Vogel. Obwohl er seinen christlichen Freund im Sinn hat, fügt er bei nächtlichen Zusammenkünften immer ein "Liebchen" hinzu, um die Gesellschaft zu vervollkommnen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Drauf in den Wagen - er ist reinlich und hübsch und bequem
- Anapher
- Mich der thätige Trieb, mich die alltägliche Welt
- Aufzählung
- Gärten und Park und Palast
- Bildlichkeit
- Stunden und Tage der Weg so durch Palermos Natur
- Hyperbel
- Oder durchs laute Gewühl des überfüllten Toledo
- Kontrast
- Jetzt die städtische Pracht, Gärten und Park und Palast, Jetzt das lieblichste Bild äolischer Inseln
- Metapher
- Altsikulischer, giebt Leben und Scherz dem Gespräch
- Parallelismus
- Mich der thätige Trieb, mich die alltägliche Welt
- Personifikation
- Gärten und Park und Palast
- Rhetorische Frage
- Aber warum von Palermo du schweigst?
- Symbolik
- Indiens stachliche Feige
- Vergleich
- Mich der thätige Trieb, mich die alltägliche Welt