Sicilianische Lieder (10) - Weine

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

Endlich wundert ihr euch, ihr begreifet nicht, wie der Sänger So Verhaßtes, wie er euch im Gedichte bedenkt. Denn unwürdig, ihr fühlet es selbst, unwürdig der Muse Seid ihr ja ganz und verdient selber die geißelnde nicht. Aber weil ihr von Tugend mir prahlt, von Bibel und Sitte, Weil euch Lust und Genuß stets nur ein Aergerniß ist, Weil ihr mich täglich verdammt und dem glücklichen Spötter den Bannstrahl, Den zerstörenden, mir täglich nach Süden verschickt: So erfreut mir′s das Herz, euch täglich zu ärgern und euch nur Will ich erzählen wie mir Freuden an Freuden erblühn. Bachus, ihr kennet ihn nicht, ist stets mein Gefährte geblieben, Aber als Gott mir gezeigt hat ihn Sicilien erst. Zweifel plagen auch euch, so erlaubt dem Sänger den Kampf auch, Welchem trinakrischen Wein werde der köstlichste Preis. Syrakus, es bietet mir hier auf goldener Schaale Schon den süßen Muskat, schon Amarina zum Trank. Nah an den Trümmern auch der palmenreichen Selinus Hat mich das purpurne Blut näher den Göttern gerückt. Wo ertönt nicht dein Ruhm, Marsala? Dir gäb′ ich die Krone, Reichte mir Alcamo schon, reichte Palermo mir nicht Andern Nektars Entzückungen schon im uranischen Kelche, Nicht im Kelche, den mir Amor, der lust′ge, kredenzt. Aber wenn auch der Freund, der treffliche, nimmer vergessne, Deutschen Herzens, ja werth mehr als ein Deutscher zu sein, Wenn unermüdlicher Gastfreundschaft der schönen Messina Gellias mich an die Gluth göttlichen Nektars gewöhnt; Dennoch sei mir vor allen gelobt, o Traube des Aetna, Der, wie des donnernden Bergs Lava dem Krater entströmt, Goldene Ström′ entquellen, begeisternde, sämmtlicher Wunder, Die der Aetna gebiert, größtes und seligstes du. Kein Element versagt dir den Kranz; dich kühlet die Meerfluth, Dich umlächelt des Lichts heiterste, mildeste Kraft; Dich durchbrennt die Flamme des Bergs, und die Erde, die tausend Blüthen und Früchte bei dir Frühling und Winter vereint. Glänze, lieblichstes Gold; es kränzt dich die Myrthe, der Lorbeer; Der ich dich schlürfe, mir ist Lorbeer und Myrthe gewiß.

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Illustration zu Sicilianische Lieder (10) - Weine

Interpretation

Das Gedicht "Weine" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein Lobgesang auf den Wein und die Freude, die er bereitet. Der Sprecher, ein Sänger, verteidigt seine Vorliebe für Wein gegen diejenigen, die ihn verurteilen. Er betont, dass er den Wein nicht nur als Genussmittel sieht, sondern auch als Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit von moralischen Zwängen. Der Sprecher lädt den Leser ein, die Schönheit und den Reichtum der sizilianischen Weine zu entdecken und zu genießen. Das Gedicht ist in zehn Strophen unterteilt, die jeweils einen anderen Aspekt des Weins behandeln. In der ersten Strophe führt der Sprecher das Thema ein und erklärt, warum er über Wein schreibt, obwohl er von einigen als unwürdig angesehen wird. In den folgenden Strophen beschreibt er verschiedene Weinsorten und ihre Herkunftsorte, wie Syrakus, Selinus, Marsala, Alcamo und Palermo. Er erwähnt auch die Freundschaft mit einem deutschen Freund und die Gastfreundschaft in Messina. Die letzte Strophe ist dem Wein des Ätna gewidmet, den der Sprecher als den besten aller Weine preist. Er beschreibt die Trauben des Ätna als golden und begeisternd, die alle Wunder des Berges in sich vereinen. Der Sprecher betont, dass der Wein des Ätna von allen Elementen gekrönt wird: vom Meer, vom Licht, von der Flamme und von der Erde. Er schließt das Gedicht mit dem Versprechen, dass er, wenn er diesen Wein trinkt, sicher ist, dass ihm Lorbeer und Myrthe verliehen werden, Symbole für Ruhm und Liebe.

Schlüsselwörter

täglich sänger unwürdig lust stets freuden reichte nektars

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Stilmittel

Anapher
Weil ihr von Tugend mir prahlt, von Bibel und Sitte, Weil euch Lust und Genuß stets nur ein Aergerniß ist, Weil ihr mich täglich verdammt und dem glücklichen Spötter den Bannstrahl, Den zerstörenden, mir täglich nach Süden verschickt:
Apostrophe
Glänze, lieblichstes Gold; es kränzt dich die Myrthe, der Lorbeer; Der ich dich schlürfte, mir ist Lorbeer und Myrthe gewiß.
Hyperbel
Nicht im Kelche, den mir Amor, der lust′ge, kredenzt
Metapher
Bachus, ihr kennet ihn nicht, ist stets mein Gefährte geblieben
Personifikation
Kein Element versagt dir den Kranz; dich kühlet die Meerfluth, dich umlächelt des Lichts heiterste, mildeste Kraft; dich durchbrennt die Flamme des Bergs, und die Erde, die tausend Blüthen und Früchte bei dir Frühling und Winter vereint.