Shakespeare′s Schatten

Friedrich von Schiller

1802

Endlich erblickt′ ich auch die hohe Kraft des Herakles, Seinen Schatten. Er selbst, leider, war nicht mehr zu sehn. Ringsum schrie, wie Vögelgeschrei, das Geschrei der Tragöden Und das Hundegebell der Dramaturgen um ihn. Schauerlich stand das Ungetüm da. Gespannt war der Bogen, Und der Pfeil auf der Sehn′ traf noch beständig das Herz. “Welche noch kühnere Tat, Unglücklicher, wagest du jetzo, Zu den Verstorbenen selbst niederzusteigen ins Grab!” - Wegen Tiresias musst′ ich herab, den Seher zu fragen, Wo ich den alten Kothurn fände, der nicht mehr zu sehn. “Glauben sie nicht der Natur und den alten Griechen, so holst du Eine Dramaturgie ihnen vergeblich herauf.” - O die Natur, die zeigt auf unsern Bühnen sich wieder, Splitternackend, dass man jegliche Rippe ihr zählt. “Wie? so ist wirklich bei euch der alte Kothurnus zu sehen, Den zu holen ich selbst stieg in des Tartarns Nacht?” - Nichts mehr von diesem tragischen Spuk. Kaum einmal im Jahre Geht dein geharnischter Geist über die Bretter hinweg. “Auch gut! Philosophie hat eure Gefühle geläutert, Und vor dem heitern Humor fliehet der schwarze Affekt.” - Ja, ein derber und trockener Spaß, nichts geht uns darüber; Aber der Jammer auch, wenn er nur nass ist, gefällt. “Also sieht man bei euch den leichten Tanz der Thalia Neben dem ernsten Gang, welchen Melpomene geht?” - Keines von Beiden! Uns kann nur das Christlich-Moralische rühren, Und was recht populär, häuslich und bürgerlich ist. “Was? Es dürfte kein Cäsar auf euren Bühnen sich zeigen, Kein Achill, kein Orest, keine Andromache mehr?” - Nichts! Man siehet bei uns nur Pfarrer, Kommerzienräte, Fähndriche, Sekretärs oder Husarenmajors. “Aber, ich bitte dich, Freund, was kann denn dieser Misere Großes begegnen, was kann Großes denn durch sie geschehn?” - Was? Sie machen Cabale, sie leihen auf Pfänder, sie stecken Silberne Löffel ein, wagen den Pranger und mehr. “Woher nehmt ihr denn aber das große, gigantische Schicksal, Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt?” - Das sind Grillen! Uns selbst und unsre guten Bekannten, Unsern Jammer und Not suchen und finden wir hier. “Aber das habt ihr ja Alles bequemer und besser zu Hause; Warum entfliehet ihr euch, wenn ihr euch selber nur sucht?” - Nimm′s nicht übel, mein Heros, das ist ein verschiedener Casus, Das Geschick, das ist blind, und der Poet ist gerecht. “Also eure Natur, die erbärmliche, trifft man auf euren Bühnen, die große nur nicht, nicht die unendliche an?” - Der Poet ist der Wirt und der letzte Actus die Zeche, Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.

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Illustration zu Shakespeare′s Schatten

Interpretation

Das Gedicht "Shakespeare's Schatten" von Friedrich von Schiller ist eine kritische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Theaterlandschaft. Schiller, der selbst ein bedeutender Dramatiker war, beklagt den Niedergang des tragischen Theaters und den Verlust der großen Helden und epischen Stoffe. Im ersten Teil des Gedichts begegnet der Erzähler dem Schatten des Herakles, der von den Klagen der Tragödiendichter und den Hunden der Dramaturgen umgeben ist. Dies symbolisiert den Kampf zwischen der großen Tragödie und den kleinlichen Kritikern, die den heroischen Geist zu ersticken drohen. Der Erzähler fragt den Schatten, welche Tat er nun wagen könne, da er bereits die Unterwelt besucht habe, um den Seher Tiresias zu befragen. Dies ist eine Anspielung auf Schillers eigenes Drama "Die Braut von Messina", in dem er sich mit den Themen Schicksal und Tragödie auseinandersetzt. Im zweiten Teil des Gedichts kritisiert Schiller die zeitgenössische Theaterpraxis, die sich auf triviale Stoffe und bürgerliche Charaktere beschränkt. Er beklagt den Verlust der großen Helden wie Caesar, Achilles oder Orest und beklagt, dass stattdessen nur Pfarrer, Kommerzienräte und andere alltägliche Figuren auf der Bühne zu sehen seien. Schiller argumentiert, dass das zeitgenössische Theater den Menschen nicht mehr erhebe und ihm keine großen Schicksale mehr vor Augen führe. Stattdessen beschränke es sich auf banale Geschichten über Kleinkriminalität und Ehebruch. Im letzten Teil des Gedichts verteidigt der Erzähler die zeitgenössische Theaterpraxis, indem er argumentiert, dass der Dichter gerecht sei und das Schicksal blind. Er behauptet, dass das zeitgenössische Theater die Natur des Menschen in all ihren Facetten zeige, auch wenn es nicht mehr die großen epischen Stoffe behandle. Der Dichter sei wie ein Wirt, der am Ende des Stücks die Zeche präsentiere, und die Tugend setze sich an den Tisch, wenn das Laster gebrochen sei. Dies ist eine ironische Anspielung auf die trivialen Stoffe des zeitgenössischen Theaters, die oft mit einer moralischen Lektion enden.

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Stilmittel

Alliteration
Der Poet ist der Wirt und der letzte Actus die Zeche
Anspielung
Endlich erblickt' ich auch die hohe Kraft des Herakles
Hyperbel
Ringsum schrie, wie Vögelgeschrei, das Geschrei der Tragöden Und das Hundegebell der Dramaturgen um ihn.
Ironie
Aber der Jammer auch, wenn er nur nass ist, gefällt.
Kontrast
Nichts! Man siehet bei uns nur Pfarrer, Kommerzienräte, Fähndriche, Sekretärs oder Husarenmajors.
Metapher
Das sind Grillen!
Personifikation
Das Geschick, das ist blind, und der Poet ist gerecht.
Rhetorische Frage
Welche noch kühnere Tat, Unglücklicher, wagest du jetzo, Zu den Verstorbenen selbst niederzusteigen ins Grab!
Vergleich
Ringsum schrie, wie Vögelgeschrei, das Geschrei der Tragöden