Sexuelle Aufklärung

Kurt Tucholsky

1940

Tritt ein, mein Sohn, in dieses Varieté! Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium von Rauchtabak, Parfums und Eßbüffé. Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium, der erste und der einzige Geiger schmiert ›Kollodium‹ auf seine Fiedel für das hohe C … So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren – drum ist dein alter Vater mit dir hergefahren.

Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüte leichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht. So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte, und wahrlich: ich blamiert mich nicht! Siehst du sie jetzt, wie sie voll Scham erglühte? Was flüstert sie? »Det die de Motten kricht … !« Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertraut aus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut!

Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie, du altes Flitterkleid, du Tamburin! Nimm du sie hin, mein Sohn – es bleibt in der Familie – und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin! Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilie ihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn … Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen! Verhalt dich brav – und damit Gott befohlen!

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Illustration zu Sexuelle Aufklärung

Interpretation

Das Gedicht "Sexuelle Aufklärung" von Kurt Tucholsky handelt von einem Vater, der seinen Sohn in ein Varieté mitnimmt, um ihn über die sexuellen Sitten und Gebräuche aufzuklären. Der Vater führt seinen Sohn durch die Räume und weist auf verschiedene Personen hin, die er selbst schon seit Jahrzehnten kennt. Dabei zeigt er ihm auch ein Mädchen, das er selbst einst umworben hat und das nun seiner Frau geworden ist. Der Vater gibt seinem Sohn den Rat, sich bei ihr zu erkundigen, wie man sich in der Stadt zu verhalten hat. Er erwähnt auch eine Sängerin namens Ottilie, die ein Lied über ein Luftschiff singen wird. Das Gedicht endet mit dem Wunsch des Vaters, dass sein Sohn sich gut benehmen soll. Das Gedicht ist eine satirische Auseinandersetzung mit der Sexualmoral und dem Doppelleben der bürgerlichen Gesellschaft in den 1920er Jahren. Tucholsky kritisiert die Heuchelei und den Zynismus, mit denen die Erwachsenen den Jugendlichen die Welt erklären. Er zeigt, wie die Sexualität als Ware behandelt wird, die man kaufen oder verkaufen kann. Er macht auch auf die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen und dem privaten Verhalten aufmerksam, die oft zu Widersprüchen und Konflikten führt. Das Gedicht ist eine humorvolle und ironische Darstellung einer problematischen Situation, die bis heute aktuell ist.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium
Anapher
So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren
Hyperbel
und damit Gott befohlen
Ironie
Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie
Metapher
Sexuelle Aufklärung
Metonymie
Parfums und Eßbüffé
Personifikation
Wahlspruch klingt vertraut
Synekdoche
Tritt ein, mein Sohn