September-Sonette

Rudolf Borchardt

1877

Vom Tage nährt sich schon die Nacht verstohlen; schlaflose Stürme laufen in den Gärten und holen mich auf ihre blassen Fährten. Ich binde mir die Flügel an die Sohlen

und bin hinaus - (doch träum ich wohl). Mich holen in ihre Reigen andere Gefährten - wo sah ich sie, die sich gleich Sternen mehrten an heißen Abenden? - Ein Atemholen

und alles hin, wie Duft. Ich bin ganz wach und weiß, ich geh, und sag: “Noch heute nur!” Von Stunden ein verfließendes Gesind

schwebt tönend fort durch Kammer, Tor und Flur. Ich spüre vom erhobenen Gemach atmende Nacht und Bäume ohne Wind.

Atmende Nacht und Bäume ohne Wind verführen mich, an deinen Mund zu denken, und dass die Pferde, mich hinweg zu lenken, schon vor den Wagen angebunden sind;

Dass alles uns verließ, wie Wasser rinnt, dass von dem Lieblichsten, was wir uns schenken, nichts bleiben kann und weniges gedenken: Blick, Lächeln, Hand und Wort und Angebind;

Und dass ich so einsam bekümmert liege, und dir so fern, wie du mir fern geblieben - die Silberdünste, die den Mond umflügeln,

Sind ihm so ferne nicht als ich dir fliege, so ferne Morgenrot nicht Morgenhügeln, als diese Lippen deinen, die sie lieben.

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Illustration zu September-Sonette

Interpretation

Das Gedicht "September-Sonette" von Rudolf Borchardt beschreibt eine Reise durch die Nacht, die von einer unruhigen und träumenden Stimmung geprägt ist. Die Nacht schleicht sich heimlich heran und stürmische Winde durchziehen die Gärten. Der Sprecher bindet sich Flügel an die Sohlen und begibt sich hinaus, begleitet von anderen Gefährten. Die Nacht wird als atmend beschrieben und die Bäume stehen ohne Wind. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert der Sprecher über die Vergänglichkeit von allem, was schön und lieblich ist. Er denkt an die Lippen seiner Geliebten und wie weit sie voneinander entfernt sind. Die Silbernebel, die den Mond umgeben, sind ihm nicht so fern wie er seiner Geliebten. Der Morgenhügel ist auch nicht so weit entfernt wie diese Lippen von den Lippen seiner Geliebten, die sie lieben. Das Gedicht endet mit einer melancholischen Note, die die Sehnsucht und Einsamkeit des Sprechers betont.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
atmende Nacht und Bäume ohne Wind
Metapher
Von Stunden ein verfließendes Gesind
Personifikation
schlaflose Stürme laufen in den Gärten
Vergleich
die sich gleich Sternen mehrten