Sensationen

Felix Dörmann

1892

Ihr weichen Düfte und Ihr kühlen Farben, Euch dank’ ich meine letzte Seligkeit, In Eurem wonneschwülen Bannkreis starben Die rothen Qualen, die mich wild umwarben, Der graue Jammer und das bleiche Leid.

Ein Bettler war ich - martervolles Darben War meines Lebens traurig-ödes Loos. Nun sprüht mit eins in üppig-reichen Garben, In weichen Düften und in kühlen Farben Das große Glück in meiner Seele Schoß.

O Tuberosen, süße, wächsernbleiche, O heißgeliebte, regungslose Schar! Dass Euer Anblick nimmer mir entweiche! Und Euer Hauch, der feuchte, zärtlich-reiche, Süß-duftig wie die Haarflut einer Leiche, Er möge mich umzittern immerdar.

O Tuberosen, süße, wächsernbleiche, O heißgeliebte, regungslose Schar!

In grauer Flut ist mir die Welt versunken, Ein nebeltrübes, ödes Traumgebild, Und farbenjauchzend, schwerer Düfte trunken Die neue Welt aus meiner Seele quillt. -

O Silberlila, Deine weichen Wellen, Wie Kinderseelen lilienkeusch und klar, In meine flammenmüde Seele quellen, Und meine Seele wird zum Hochaltar,

Wo Jubelhymnen Deiner Süße schwellen.

O lasst mich, lasst mich ruh’n auf grünem Rasen, In seinen Farbenzauber mich versenken, Entfliehen allem qualvoll-heißen Denken Zu meiner Seele schweigenden Extasen.

O lichtes Grün, wie Du die Seele weitest, Um jede Nervenfaser zärtlich kost, In’s Unermess’ne das Gefühl verbreitest, O lichtes Wiesengrün - mein treuer Trost.

Wenn meine Seele sich vor Grausen sträubet, Wenn alles öd und ekel ist geworden,

Wenn Qual und Sehnsucht jedes Glück ermorden, Dein sanfter Schleier einzig sie betäubet.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Sensationen

Interpretation

Das Gedicht "Sensationen" von Felix Dörmann beschreibt die transformative Kraft der Sinneswahrnehmungen auf die Seele des lyrischen Ichs. In den vier Strophen durchlebt das Ich eine emotionale Reise von der Verzweiflung zur Ekstase, ausgelöst durch die Eindrücke von Düften, Farben und Natur. Die erste Strophe setzt mit einem Gefühl der Erlösung ein. Das lyrische Ich dankt den "weichen Düften und kühlen Farben" für seine "letzte Seligkeit". Diese Sinneserfahrungen haben die "roten Qualen", den "grauen Jammer" und das "bleiche Leid" besiegt. Das Ich war zuvor ein "Bettler", der ein "martervolles Darben" erlebte. Doch nun sprüht das "große Glück" in seiner Seele. In der zweiten Strophe richtet das Ich seinen Fokus auf die Tuberosen, eine Blume mit einem intensiven Duft. Das Ich fleht darum, dass der Anblick und der Duft der Tuberosen niemals von ihm weichen mögen. Der Duft wird als "feuchte, zärtlich-reiche" und "süß-duftig wie die Haarflut einer Leiche" beschrieben, was eine morbide, aber faszinierende Faszination ausdrückt. Die dritte Strophe kontrastiert die alte, graue Welt mit der neuen, farbenfrohen Welt, die aus der Seele quillt. Das lyrische Ich taucht ein in die "weichen Wellen" des "Silberlila" und vergleicht sie mit "Kinderseelen lilienkeusch und klar". Die Seele wird zum "Hochaltar", wo "Jubelhymnen" der Süße schwellen. In der vierten und letzten Strophe sehnt sich das Ich danach, auf dem grünen Rasen zu ruhen und sich in dessen "Farbenzauber" zu versenken. Das grüne Gras wird als "treuer Trost" beschrieben, der die Seele weitet und das Gefühl ins Unermessliche verbreitet. Besonders in Momenten der Verzweiflung, wenn die Seele sich "vor Grausen sträubt" und alles "öd und ekel" geworden ist, spendet das grüne Gras Trost und betäubt die Qual und Sehnsucht.

Schlüsselwörter

seele weichen süße düfte kühlen farben ödes glück

Wortwolke

Wortwolke zu Sensationen

Stilmittel

Alliteration
martervolles Darben
Bildsprache
O Tuberosen, süße, wächsernbleiche
Hyperbel
Das große Glück in meiner Seele Schoß
Kontrast
Ein Bettler war ich - martervolles Darben War meines Lebens traurig-ödes Loos
Metapher
Dein sanfter Schleier einzig sie betäubet
Personifikation
O lichtes Grün, wie Du die Seele weitest
Vergleich
Süß-duftig wie die Haarflut einer Leiche