Selmar an seinen Bruder
1777O du - wie soll ich dich in meinen Qualen nennen? Kann ich dich Bruder nennen? - Nein! Du würdest sonst nicht Bruderblut verkennen Und gegen mich ein Tiger sey! Und doch beschwör′ ich dich beim süßen Brudernamen! Sey einmal Mensch, und höre mich! Sind wir nicht aufgezeugt von Eines Vaters Saamen? Trug meine Mutter nicht auch dich? Ach denke dran, und blick in meine Kerkerhöhle, Entzieh dich meinem Jammer nicht! Und sieh einmal die Leiden meiner Seele Im abgezehrten Angesicht!
Sieh diese dünnen, grauen Locken! Und meiner Wangen Roth verbleicht! Sieh dieses Aug′ von langem Weinen trocken! Und höre, wie mein Ach aus kranker Lunge keucht! O, neunzehn bange Jahre leiden! In menschenloser Einsamkeit Vertrocknen zum Gefühl der Freuden; Ist eine fürchterliche Zeit! -
Was hab′ ich denn gethan? Sprich! Bin ich ein Rebelle, Der mit gehobner Faust sein Vaterland verheert? Bin ich ein Gottesfeind? Ein schwarzer Sohn der Hölle? Hab′ ich Religion und Wissenschaft entehrt? Lebt′ ich zur Schande unsers Adels? War ich ein Sklav der niedern Sinnlichkeit? War ich mit Recht der Vorwurf deines Tadels? Und hab′ ich je die Bruderpflicht entweiht? Floß falsches Blut aus tückisch bösem Herzen? War ich ein Heuchler feig und schlimm? Empfand ich statt des Mitleids sanften Schmerzen Des Misanthropen schwarzen Grimm? O Bruder, nein! - zu laut zeugt mein Gewissen; Ich kenne diese Frevel nicht.
Was unser Bruderband - dies heilige Band zerrissen, War Leichtsinn - nicht verletzte Pflicht.
Wenn Traubengold im Krystallglase blinkte, So trank ich oft - vielleicht ein Glas zu viel; Und wenn die Liebe mir aus blauen Augen winkte; So war ich nie ein Klotz, ein Hasser vom Gefühl.
Oft griff ich auch dem Trotzer an die Kehle, Von jugendlichem Muth belebt, Denn Feigheit haßte meine Seele, Und weibisch hat sie nie gebebt.
Doch sprich! sind dies so schreckliche Verbrechen, Die du an mir mit grausamem Verlust Der Freiheit und des Lebens rächen, Ach, so unendlich rächen mußt!
Sind neunzehn Jahre voller Kummer, Zum Jammerberge aufgehäuft, Sind Schauernächte ohne Schlummer, Ein Bett mit Thränenfluth beträuft;
Sind Klagen, die um schwarze Wände fliegen, Ist langsamer verbißner Gram; Sind Seufzer, die der Brust entstiegen, Seit deine Wuth mir alles nahm;
Sind dies die Strafen meiner Fehler? Ist Leichtsinn solcher Qualen werth? Und bist du selbst der fürchterliche Qualen, Der, wie ein Geier, sich von meiner Leber nährt?
O Bruder glaub′s, denn Gott hat′s ausgesprochen! Unmenschlichkeit - ist mehr, als meine Schuld; Mit Donnern hat er oft den Bruderhaß gerochen, Und Leichtsinn trug er meist mit schonender Geduld.
Und dennoch zweifelst du, dein hartes Herz zu zeigen, Ob Reu′ und Buße möglich sey? Läßt deinen Bruderhaß zum höchsten. Gipfel steigen Und spottest meiner Sklaverei.
Ja wäre Gottes Herz von deiner Eisenhärte, So nähm′ er nicht die Sünder an; Er drohte nur mit seinem Flammenschwerte, Und würgte, weil er würgen kann.
Doch ach, was klag′ ich? - Meine Klagen Sind doch umsonst! sie prallen ab von dir, Wie Wellen sich an rauhen Klippen schlagen; So hart und grausam bist du mir! - O ist′s dir möglich - so erbarme Dich über meine lange Noth! Beut mir dein Herz und deine Bruderarme, Und komm, entreisse mich dem Kerkertod!
Ach laß mich Gottes freie Lüfte Doch einmal wieder in mich ziehn, Einathmen süße Frühlingsdüfte Und an der Brust des Freundes wieder glühn. Erlaube mir die letzten Reste Des kurzen Lebens frei zu seyn; Hol mich herab von meiner Veste, Der langen Zeugin meiner Pein! Laß mich einmal in jenem Grabe modern, Wo unser Vater, unsre Mutter ruht! Sonst wird dereinst ihr Schatten von dir fodern Des Sohnes und des Bruders Blut! Ach lern einmal des Mitleids Wonne schmecken! Sey Bruder, und erbarme dich. Doch sollen länger mich des Kerkers Qualen schrecken, So schwinge deinen Dolch, und komm und tödte mich.
Dann bin ich doch einmal der langen Pein entrissen, Der bangen, schreckenvollen Pein; Denn, ach! das Glück der goldnen Freiheit missen, Heißt mehr als todt, heißt ein Verdammter seyn.
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Interpretation
Das Gedicht "Selmar an seinen Bruder" von Christian Friedrich Daniel Schubart ist ein leidenschaftliches Plädoyer eines Gefangenen an seinen Bruder, der ihn verraten hat. Selmar, der Autor des Gedichts, war selbst jahrelang inhaftiert und appelliert an die Menschlichkeit und das Mitgefühl seines Bruders. In den ersten Strophen des Gedichts bittet Selmar seinen Bruder, ihn anzuhören und sich seiner Lage zu erbarmen. Er erinnert ihn an ihre gemeinsame Herkunft und fordert ihn auf, in seine "Kerkerhöhle" zu blicken und die Leiden seiner Seele zu sehen. Selmar beschreibt seine körperlichen und seelischen Qualen, die er in den neunzehn Jahren seiner Gefangenschaft erdulden musste. In den folgenden Strophen stellt Selmar die Frage nach seiner Schuld und den Gründen für seine Inhaftierung. Er betont, dass er kein Rebell, Gottesfeind oder Schänder von Religion und Wissenschaft war. Auch habe er nicht zur Schande seines Adels gelebt oder seine Bruderpflichten vernachlässigt. Stattdessen führt er an, dass seine "Verbrechen" eher in Leichtsinn und jugendlichem Mut bestanden hätten, wie zum Beispiel übermäßiger Alkoholkonsum und das Eingehen auf die Liebe. Im letzten Teil des Gedichts appelliert Selmar erneut an die Menschlichkeit seines Bruders. Er bittet ihn, Mitleid mit ihm zu haben und ihn aus dem Kerker zu befreien. Sollte sein Bruder ihm nicht helfen wollen, fordert Selmar ihn auf, ihn zu töten, da die Qualen des Gefängnisses schlimmer seien als der Tod. Das Gedicht endet mit einem Aufruf an seinen Bruder, die "Wonne des Mitleids" zu kosten und ihm zu helfen, bevor es zu spät ist.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Anapher
- O Bruder, nein! - zu laut zeugt mein Gewissen; Ich kenne diese Frevel nicht.
- Apostrophe
- Ach lern einmal des Mitleids Wonne schmecken!
- Frage
- Doch ach, was klag' ich? - Meine Klagen
- Metapher
- Heißt mehr als todt, heißt ein Verdammter seyn.