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Selbstzucht

Von

Mensch, du sollst dich selbst erziehen.
Und das wird dir mancher deuten:
Mensch, du mußt dir selbst entfliehen.
Hüte dich vor diesen Leuten!

Rechne ab mit den Gewalten
in dir, um dich. Sie ergeben
zweierlei: wirst Du das Leben,
wird das Leben dich gestalten?

Mancher hat sich selbst erzogen;
hat er auch ein Selbst gezüchtet?
Noch hat Keiner Gott erflogen,
der vor Gottes Teufeln flüchtet.

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Gedicht: Selbstzucht von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Selbstzucht“ von Richard Dehmel ist eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Konzept der Selbstentwicklung und der moralischen Verantwortung des Individuums. Es beginnt mit einem Appell an den Menschen, sich selbst zu erziehen, und warnt gleichzeitig vor oberflächlichen Interpretationen dieser Aufgabe. Die ersten vier Verse etablieren den Kernkonflikt: die Notwendigkeit der Selbstdisziplinierung und die Gefahr, sich vor einer authentischen Auseinandersetzung mit sich selbst zu verschließen. Die Mahnung, sich „vor diesen Leuten“ zu hüten, deutet auf die Gefahr hin, sich von falschen Ratgebern und vereinfachenden Ansätzen in die Irre führen zu lassen.

Der zweite Teil des Gedichts, beginnend mit „Rechne ab…“, vertieft die Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Kräften, die das Leben des Menschen bestimmen. Die Formulierung „Rechne ab mit den Gewalten in dir, um dich“ suggeriert einen Kampf, eine Auseinandersetzung mit den eigenen Trieben, Ängsten und den Einflüssen der Umwelt. Die Frage „wirst Du das Leben, wird das Leben dich gestalten?“ ist von zentraler Bedeutung: Sie stellt die Frage nach der aktiven Gestaltung des eigenen Lebens versus der passiven Hingabe an die äußeren Umstände. Diese Ambivalenz verdeutlicht die Komplexität des Prozesses der Selbstzucht.

In den abschließenden Versen wird die Problematik der Selbstverherrlichung und die Beziehung zur göttlichen Instanz thematisiert. Dehmel hinterfragt, ob die Selbstvervollkommnung, die durch „Selbstzucht“ erreicht wird, zwangsläufig zu einem authentischen Selbst führt. Die rhetorische Frage „Hat er auch ein Selbst gezüchtet?“ deutet darauf hin, dass die bloße Selbstdisziplinierung nicht unbedingt zu einem tiefgreifenden Verständnis der eigenen Identität führt. Der letzte Vers „Noch hat Keiner Gott erflogen, der vor Gottes Teufeln flüchtet“ ist ein starkes Bild: Es deutet auf die Notwendigkeit hin, sich den eigenen Dämonen, den dunklen Seiten des Selbst, zu stellen, anstatt vor ihnen zu fliehen. Nur durch die Konfrontation und die Integration dieser Aspekte kann wahre Selbstzucht erreicht werden.

Insgesamt ist „Selbstzucht“ ein vielschichtiges Gedicht, das die Schwierigkeit und die Notwendigkeit der Selbstentwicklung thematisiert. Es warnt vor oberflächlichen Ansätzen und betont die Bedeutung der Auseinandersetzung mit den eigenen inneren und äußeren Kräften. Das Gedicht endet mit einem Appell zur Ehrlichkeit und zur Bereitschaft, sich den eigenen Schattenseiten zu stellen, um eine authentische und erfüllte Existenz zu erreichen. Es ist ein Aufruf zur Selbsterkenntnis, zur Selbstdisziplin und zur Auseinandersetzung mit den fundamentalen Fragen des Menschseins.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.