Selbstmord
1869Wilde Fratzen schneidet der Mond in den Sumpf. Es kreisen alle Welten dumpf; hätt ich erst diese überstanden!
Mein Herz, ein Skarabäenstein; blüht bunter Mai aus meinem Gebein und Meere rauschen durch Guirlanden.
Ich wollt, ich wär eine Katze geworden; der Kater schleicht sie lustzumorden im vollmondblutenden Abendschein.
Wie die Nacht voll grausamer Sehnsucht keimt - sie hat in mir oft zart geträumt und ist entstellt zur Fratze.
Der Tod selbst fürchtet sich zu zwein und kriecht in seinen Erdenschrein, - aber ich pack ihn mit meiner Tatze.
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Interpretation
Das Gedicht "Selbstmord" von Else Lasker-Schüler thematisiert die innere Zerrissenheit und den Wunsch nach Erlösung aus einer scheinbar ausweglosen Situation. Die Welt wird als düster und bedrohlich dargestellt, wobei der Mond "wilde Fratzen" in den Sumpf schneidet und die Welten dumpf kreisen. Das lyrische Ich sehnt sich nach einem Ausweg, symbolisiert durch den Wunsch, eine Katze zu sein, die den Tod als Kater in der Nacht verführt und bezwingt. Die Natur wird als Gegensatz zur düsteren Welt beschrieben. Das Herz des lyrischen Ichs wird als "Skarabäenstein" bezeichnet, der den Frühling und die Meere in sich trägt. Diese Bildsprache deutet auf eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und den Wunsch nach Erneuerung hin. Die Katze symbolisiert hierbei die Kraft und Unabhängigkeit, die das lyrische Ich sich wünscht, um dem Tod entgegenzutreten. Das Gedicht endet mit einer trotzigen und selbstbewussten Haltung gegenüber dem Tod. Das lyrische Ich greift den Tod mit seiner "Tatze" an und bezwingt ihn. Dies deutet auf einen Akt der Selbstbestimmung und Selbstermächtigung hin, der den Tod als Teil des Lebens akzeptiert und ihn nicht mehr als Bedrohung wahrnimmt. Das Gedicht vermittelt somit eine ambivalente Stimmung zwischen Verzweiflung und Hoffnung, Tod und Leben, Dunkelheit und Licht.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- ich pack ihn mit meiner Tatze
- Personifikation
- Der Tod selbst fürchtet sich zu zwein