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Selbstgeworfnes

Von

Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles
Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn -;
erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
den eine ewige Mitspielerin
dir zuwarf, deiner Mitte, in genau
gekonntem Schwung, in einem jener Bögen
aus Gottes großem Brücken-Bau:
erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, –
nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar
zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest,
nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest
und schon geworfen hättest …..(wie das Jahr
die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,
die eine ältre einer jungen Wärme
hinüberschleudert über Meere -) erst
in diesem Wagnis spielst du gültig mit.
Erleichterst dir den Wurf nicht mehr; erschwerst
dir ihn nicht mehr. Aus deinen Händen tritt
das Meteor und rast in seine Räume…

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Gedicht: Selbstgeworfnes von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Selbstgeworfnes“ von Rainer Maria Rilke ist eine tiefgründige Meditation über die wahre Natur des Lebens und die Bedeutung von Hingabe und Loslassen. Es beginnt mit der Beschreibung eines Lebens, das sich auf eigene Anstrengung und Fähigkeiten konzentriert, ein „Fangen“ von Dingen, die einem zufliegen. Dieses Fangen ist Geschicklichkeit, ein „läßlicher Gewinn“, der nicht von Dauer ist. Der wahre Wert des Lebens liegt jedoch in etwas anderem.

Die eigentliche Essenz offenbart sich, wenn man sich dem hinzugeben lernt, was einem von außen zugetragen wird, vom „Ball“ einer „ewigen Mitspielerin“, die möglicherweise Gott oder das Universum verkörpert. Dieser Wurf, der in einem „gekonnten Schwung“ und einem der „Bögen aus Gottes großem Brücken-Bau“ geschieht, ist das Zeichen einer Verbindung, die über das eigene Ich hinausgeht. Das „Fangen-Können“ wird dann zu einem „Vermögen“ einer Welt, also nicht mehr dem eigenen Verdienst zuzuschreiben.

Die zentrale Metapher des Gedichts ist das Werfen und das Loslassen. Wahre Größe liegt nicht nur im Fangen, sondern im Mut, zurückzuwerfen – im Loslassen der eigenen Kontrolle und im Vertrauen auf den Fluss des Lebens. Die Vorstellung, Kraft und Mut zu „vergessen“, um den Wurf zu wagen, deutet auf eine Hingabe hin, die frei von Angst und Berechnung ist. Das Bild der Vögel, die „über Meere“ geworfen werden, symbolisiert die Weitergabe von Leben, die sich im Kreislauf der Natur manifestiert.

Das Gedicht findet seinen Höhepunkt in der Metapher des „Meteor“, der aus den Händen tritt und in seine eigenen Räume rast. Das bedeutet, dass durch das Loslassen und die Hingabe an den größeren Kreislauf ein eigenes Schicksal geschaffen wird, das sich von den individuellen Zwängen befreit. Das Spiel wird erst dann „gültig“ betrieben, wenn man weder versucht, den Wurf zu erleichtern noch zu erschweren. Rilke fordert uns auf, uns dem Fluss des Lebens zu öffnen und die eigene Existenz als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen, indem wir die Kontrolle aufgeben und dem Lauf der Dinge vertrauen.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.