Fehlt es an wahrem Selbstgefühl,
Da dient der Stolz als hohler Pfühl.
Wem wird viel an Triumphen liegen?
Dem, der die Kraft nicht hat zu Siegen.
Uebermuth und Sklavensinn,
Die sind in Einer Schachtel drin.
Fehlt es an wahrem Selbstgefühl,
Da dient der Stolz als hohler Pfühl.
Wem wird viel an Triumphen liegen?
Dem, der die Kraft nicht hat zu Siegen.
Uebermuth und Sklavensinn,
Die sind in Einer Schachtel drin.

Das Gedicht „Selbstgefühl“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine prägnante Reflexion über die Natur von Selbstwertgefühl, Stolz und Übermut. Es zeichnet sich durch eine klare Struktur und eine pointierte Aussage aus, die in nur sechs Versen eine tiefe psychologische Einsicht vermittelt.
Der erste Abschnitt (Verse 1-2) etabliert einen fundamentalen Gegensatz: Das Fehlen von echtem Selbstgefühl führt zur Verwendung von Stolz als Ersatz. Vischer vergleicht den Stolz mit einem „hohlen Pfühl“, was bedeutet, dass er substanzlos, leer und lediglich eine Fassade ist. Diese Metapher suggeriert, dass Stolz in Abwesenheit von echtem Selbstwert lediglich eine Maske darstellt, die die innere Leere kaschiert. Der Dichter stellt hier die essentielle Bedeutung von „wahrem Selbstgefühl“ heraus und impliziert, dass Stolz ohne diese Grundlage wertlos ist.
In den Versen 3-4 wird diese Idee weiterentwickelt und auf das Thema des Siegens übertragen. Die Frage „Wem wird viel an Triumphen liegen?“ ist rhetorischer Natur und deutet an, dass der wahre Wert von Triumphen nur für diejenigen relevant ist, die tatsächlich die Fähigkeit zum Siegen besitzen. Das bedeutet, dass wahres Selbstgefühl nicht von äußeren Erfolgen, sondern von innerer Stärke und Kompetenz abgeleitet wird. Diejenigen, die innerlich schwach sind, benötigen offenbar die äußeren Erfolge, um sich selbst zu bestätigen, da sie die innere Kraft zum Selbstvertrauen nicht besitzen.
Der letzte Abschnitt (Verse 5-6) bringt die Botschaft auf den Punkt, indem er „Uebermuth“ und „Sklavensinn“ als zwei Seiten derselben Medaille darstellt. Diese beiden Extreme, die scheinbar gegensätzlich sind, werden in einer „Schachtel“ vereint. Damit stellt Vischer eine Verbindung zwischen Übermut und einem Mangel an Selbstachtung her. Übermut, als übersteigerter Stolz, kann Ausdruck von Unsicherheit sein, während „Sklavensinn“ oder Unterwürfigkeit, das Fehlen von Selbstwertgefühl verdeutlicht. Beide Extreme, die sich scheinbar diametral gegenüberstehen, entspringen letztlich dem gleichen Mangel an „wahrem Selbstgefühl“.
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