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Selbstbildnis aus dem Jahre 1906

Von

Des alten lange adligen Geschlechtes
Feststehendes im Augenbogenbau.
Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau
und Demut da und dort, nicht eines Knechtes
doch eines Dienenden und einer Frau.
Der Mund als Mund gemacht, groß und genau,
nicht überredend, aber ein Gerechtes
Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes
und gern im Schatten stiller Niederschau.
Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt;
noch nie im Leiden oder im Gelingen
zusammengefaßt zu dauerndem Durchdringen,
doch so, als wäre mit zerstreuten Dingen
von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.

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Gedicht: Selbstbildnis aus dem Jahre 1906 von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Selbstbildnis aus dem Jahre 1906“ von Rainer Maria Rilke ist eine introspektive Auseinandersetzung mit dem eigenen Wesen. Rilke beschreibt hier nicht ein äußeres Porträt, sondern versucht, die innere Natur, die Charakterzüge und die unausgesprochenen Absichten des eigenen Selbst zu erfassen. Die bildhafte Sprache und die detaillierte Beobachtung der Gesichtszüge deuten auf ein tiefes Verständnis und eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich hin.

Der Dichter beginnt mit einer Beschreibung, die auf eine gewisse Erhabenheit und aristokratische Abstammung hindeutet: „Des alten lange adligen Geschlechtes / Feststehendes im Augenbogenbau.“ Gleichzeitig werden in der „Kindheit Angst und Blau“ und „Demut da und dort“ widersprüchliche Elemente eingeführt. Dies lässt auf eine komplexe Persönlichkeit schließen, in der Stärke und Verwundbarkeit, Tradition und Empfindsamkeit nebeneinander existieren. Die Formulierung „nicht eines Knechtes / doch eines Dienenden und einer Frau“ unterstreicht die innere Ambivalenz und die vielfältigen Rollen, die der Dichter in seinem Leben einnimmt.

Der Mittelteil des Gedichts widmet sich der konkreten Beschreibung der Gesichtszüge: „Der Mund als Mund gemacht, groß und genau, / nicht überredend, aber ein Gerechtes / Aussagendes.“ Hier wird die Sprache präziser und sachlicher. Der Mund, das Instrument der Sprache, wird als ehrlich und wahrhaftig charakterisiert. Die „Stirne ohne Schlechtes / und gern im Schatten stiller Niederschau“ deutet auf eine ruhige, besonnene Persönlichkeit hin, die zur Selbstreflexion neigt. Diese Elemente verbinden sich zu einem Bild von Integrität und innerer Stärke.

Das Gedicht endet mit einem Ausblick auf das noch Unfertige, das in Rilkes Wesen schlummert: „Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt; / noch nie im Leiden oder im Gelingen / zusammengefasst zu dauerndem Durchdringen, / doch so, als wäre mit zerstreuten Dingen / von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.“ Hier wird die Idee der Selbstfindung als ein fortlaufender Prozess deutlich. Das „Ernste, Wirkliche“ ist noch nicht vollständig manifestiert, aber es existiert eine Ahnung, ein Gefühl der Vorbereitung auf etwas Bedeutendes. Rilke sieht sich selbst als ein Werk, das noch nicht vollendet ist, aber das Potenzial zu Tiefe und Ganzheit in sich trägt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.