Selbstbetrug
1749Der Vorhang schwebet hin und her Bei meiner Nachbarin. Gewiß, sie lauschet überquer, Ob ich zu Hause bin,
Und ob der eifersücht′ge Groll, Den ich am Tag gehegt, Sich, wie er nun auf immer soll, Im tiefen Herzen regt.
Doch leider hat das schöne Kind Dergleichen nicht gefühlt. Ich seh′, es ist der Abendwind, Der mit dem Vorhang spielt.
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Interpretation
Das Gedicht "Selbstbetrug" von Johann Wolfgang von Goethe handelt von einem Mann, der sich selbst etwas vormacht. Er beobachtet den Vorhang seiner Nachbarin und deutet dessen Bewegung als Zeichen dafür, dass sie ihn beobachtet und an ihn denkt. Er glaubt, dass sie neugierig ist, ob er zu Hause ist, und dass sie vielleicht eifersüchtig auf ihn ist. Er projiziert seine eigenen Gefühle und Wünsche auf sie und glaubt, dass sie dasselbe empfindet wie er. In der zweiten Strophe wird jedoch klar, dass der Mann sich selbst betrügt. Er erkennt, dass seine Nachbarin nichts von seinen Gefühlen ahnt und dass der Vorhang nur vom Abendwind bewegt wird. Er ist enttäuscht und muss einsehen, dass er sich etwas eingebildet hat. Das Gedicht zeigt, wie leicht man sich selbst täuschen kann und wie gefährlich es ist, seine eigenen Gefühle auf andere zu projizieren. Das Gedicht ist ein Beispiel für Goethes psychologisches Verständnis und seine Fähigkeit, menschliche Schwächen und Verhaltensweisen zu beschreiben. Es zeigt auch, wie wichtig es ist, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich nicht selbst zu belügen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Ironie
- Doch leider hat das schöne Kind Dergleichen nicht gefühlt
- Metapher
- Und ob der eifersücht′ge Groll, Den ich am Tag gehegt
- Personifikation
- Der Vorhang schwebet hin und her
- Täuschung
- Ich seh′, es ist der Abendwind, Der mit dem Vorhang spielt