Seiner Liebe Anfang
1654Als ich auf meiner Liebsten Mund (ach sanfte Ruhstat!) brünstig lage, und meiner Schmerzen herbe Plage ihr täht auß ganzem Herzen kund, wie ich so oft um ihretwegen Ruh- trost- und Sinnen- ohn gelegen.
Mein (sprach sie) Herzgen, sage doch: zu welcher Zeit du bist entronnen, und wodurch du mich lieb gewonnen: Wo ich mich recht entsinne noch, hastu auch gar für wenig Wochen, kalt-sinnig dich mit mir besprochen:
Da ich doch, als zum ersten mahl ich dich nur obenhin erblikket, durch deine Freyheit blieb bestrikket. Diß war nur meine gröste Quaal, die auch die Götter kann betrüben, dich sonder Gegen-Liebe lieben.
Gott weiß, wie mir zu muhte war Auf die so unverhoffte Frage, vermischt von Zorn, Verweiß und Klage die meinen Undank machten klar! Die Schaam, so ich daher empfunde, nahm Red′ und Antwort meinem Munde.
Ich ward verstarret, kalt, erblaßt, wie, dem die Seele kaum sich reget: biß, auß Erbarmnüß sie beweget mich in die schlanken Arme fasst′, Ach! Da ward mir gemach das Leben, Kraft, Geist und Wärme wieder geben:
Im küssen fing sie an noch mehr mich bey der Fakkel zubeschweeren, die unser′ Herzen kann versehren: Sag an (bistu mir gut) wann ehr du angefangen mich zu lieben, und waß darzu dich erst getrieben.
Ach! frage nicht nach meiner Gluht, (sprach ich, was frischer) Eyß und Winde sind meiner Flammen Angezünde. Du weist es wie auf jener Fluht, von kalter Norden-luft gestanden, ich lag in deiner Arme Banden.
Wie ich dich von dem Wagen nahm und küßte die gefrorne Wangen: Bald hat mein Herze Gluht gefangen. Das Feuer, so auß Kälte kahm straalt sint der Zeit mit tausent Flammen ob meines Lebens Rest zusammen.
Nun (sagt sie) hat ein kalter Kuß dich bracht in Feuer, Hizz′ und Leiden; weiß ich, daß Kühlung, Lust und Freuden ein Warmer dir erwekken muß. Der hat sie mir so viel erteilet, so daß ich ziemlich bin geheilet.
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Interpretation
Das Gedicht "Seiner Liebe Anfang" von Kaspar Stieler erzählt von den Anfängen einer leidenschaftlichen Liebe, die durch einen kalten Kuss entfacht wurde. Der Sprecher erinnert sich daran, wie er einst in der Nähe seiner Geliebten lag und ihr seine Schmerzen und Sehnsüchte gestand. Die Geliebte jedoch hinterfragt, wann und warum der Sprecher sie lieben gelernt hat, und erinnert sich selbst daran, dass sie ihn zunächst kühl und ohne Gegenliebe behandelt hat. Die Situation wird für den Sprecher immer unerträglicher, bis die Geliebte Mitleid empfindet und ihn in ihre Arme schließt. In diesem Moment erwacht neues Leben in ihm, und die Leidenschaft entfacht sich durch ihre Küsse. Der Sprecher erklärt, dass die Kälte, die er einst empfand, als er sie vom Wagen nahm und ihre gefrorenen Wangen küsste, das Feuer seiner Liebe entfacht hat. Die Geliebte erkennt am Ende, dass der kalte Kuss, der einst den Sprecher in Leidenschaft versetzt hat, auch ihr selbst Lust und Freude gebracht hat. Sie ist geheilt von ihrer anfänglichen Kälte und findet in der Liebe des Sprechers Erfüllung. Das Gedicht beschreibt somit den Wandel von Kälte zu Leidenschaft und die heilende Kraft der Liebe.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- frisch und fröhlich
- Hyperbel
- Das Feuer, so auß Kälte kahm straalt sint der Zeit mit tausent Flammen ob meines Lebens Rest zusammen
- Metapher
- Ich ward verstarret, kalt, erblaßt, wie, dem die Seele kaum sich reget
- Personifikation
- die unser' Herzen kann versehren
- Rhetorische Frage
- Sag an (bistu mir gut) wann ehr du angefangen mich zu lieben, und waß darzu dich erst getrieben
- Vergleich
- wie, dem die Seele kaum sich reget