Seiner Freundin
1810Als wir zum Schlagen rückten Und nun die Stadt erblickten, Bei der man künftig schwört; Da dachten wir im Herzen Auch an den zweiten Mai, Und deine Wittwenschmerzen Erwachten in uns neu.
Wir sahen Wolken schwimmen, Wir hörten Geisterstimmen Vom nahen Lützenheer. Die Donner Gottes klangen In Ost, Süd, Nord und West, Da haben wir begangen Der Brüder Leichenfest.
In jenen hehren Tagen Hat mich, gleich milden Sagen, Dein liebes Bild umschwebt. Ich sah dein Antlitz scheinen, Ein leuchtendes Panier, Vernahm dein stilles Weinen Um jenes Schlachtrevier.
Ich muß dich immer denken, Muß immer mich versenken In diesen Zaubersee. Ich kann dich nicht verlieren, Du Bild aus holder Zeit, Und Myrthen seh′ ich zieren Auch noch dein Wittwenkleid.
So muß es sich begeben, In diesem Erdenleben Blüht Schönheit aus der Qual. So hat es Gott erkoren, Der ewig treue Hirt, Daß nur im Weh geboren Ein Himmelsbürger wird.
In Schauern sich gestalten, In Schmerzen sich entfalten, Muß jedes Lebens Keim. So wurden in den Tagen Der ersten Christenheit Durch Buße, Schmerz und Plagen Die Märtyrer geweiht.
Und was wir jetzt erstehen Aus tiefer Gruft gesehen Im frischen Jugendglanz - Es war mit Schmach beladen Das werthe Vaterland, Da winkte Gott in Gnaden Und wählte unsre Hand.
Ein Wunder war′s zu sehen, Wie er im Sturmeswehen Durch unsre Länder fuhr, Und alle Herzen brannten, Den ersten Pfingsten gleich, Nicht Rast noch Ruhe kannten, Zu streiten für sein Reich.
Auch du hast ihm gegeben Dein süßes Blütenleben In stiller Opferung; Auch deinen Namen melden Soll man zu Gottes Ehr′, Von allen seinen Helden Gab keiner ihm wol mehr.
Wie freundlich ist sein Wille, Des Trostes hat er Fülle Für jede Menschenbrust, Und was er hier muß nehmen, Er bringt es reichlich ein, Drum soll der Christen Grämen Noch stets voll Freude sein.
Die weiße Himmelsrose, Die Mutter, der im Schooße Erblaßt der Heiland lag, Maria schaut mit Lächeln, Auf dich und Wilhelms Kind, Und ihre Engel fächeln Dir Tröstung kühl und lind.
Blick′ auf, du Vielbetrübte, Sei fröhlich, Gottgeliebte, Wie strahlt dein Liebesstern! Mit Helm und Schwert und Lanze Sieh′ dort auf Gottes Höh′n Im Ueberwinderkranze Bei Sanct Georg ihn stehn.
Und bis der Tag gekommen, Wo die getrennten Frommen Und aller Todten Schaar Laut ladet in die Schranken Der Engel Feldgeschrei - Laß loben uns und danken, Das Vaterland ist frei.
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Interpretation
Das Gedicht "Seiner Freundin" von Max von Schenkendorf, verfasst 1814, ist eine tief empfundene Liebeserklärung und zugleich eine patriotische Hymne. Der Dichter erinnert sich an die Zeit des Befreiungskrieges gegen Napoleon und verbindet darin seine persönliche Liebe mit dem kollektiven Kampf für die Freiheit des Vaterlandes. Er beschwört die Erinnerung an den zweiten Mai 1813, als Lützows Freikorps in die Schlacht zog, und verbindet sie mit dem Schicksal seiner Geliebten, die um ihren gefallenen Mann trauert. Das Gedicht ist durchdrungen von einer tiefen Religiosität, die den Schmerz und das Leid als notwendigen Weg zur Erlösung und zum ewigen Leben versteht. Der Dichter vergleicht den Kampf für die Freiheit mit der christlichen Märtyrertradition und sieht in den Opfern der Kämpfer eine heilige Weihe. Er preist die Stärke und den Mut der Frauen, die ihre Liebsten in den Krieg ziehen lassen, und versichert seiner Freundin, dass ihr Opfer von Gott anerkannt und belohnt wird. Die Erwähnung Marias und des Heilands verleiht dem Gedicht eine zusätzliche religiöse Dimension und unterstreicht die Vorstellung von einem höheren, göttlichen Plan, der das Schicksal der Menschen lenkt. Das Gedicht schließt mit einer tröstenden Vision von der Wiedervereinigung im Himmel und der Gewissheit, dass das Vaterland frei sein wird. Der Dichter ermutigt seine Freundin, über den Schmerz hinauszublicken und sich auf die ewige Belohnung zu freuen. Die Liebe, der Glaube und die Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod sind die zentralen Themen, die das Gedicht zusammenhalten und dem Leser eine Botschaft der Zuversicht und des Trostes vermitteln.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Alliteration
- Die weiße Himmelsrose
- Bildsprache
- Wie strahlt dein Liebesstern!
- Hyperbel
- Von allen seinen Helden Gab keiner ihm wol mehr
- Metapher
- Mit Helm und Schwert und Lanze Sieh' dort auf Gottes Höh'n Im Ueberwinderkranze Bei Sanct Georg ihn stehn
- Personifikation
- Und alle Herzen brannten, Den ersten Pfingsten gleich
- Symbolik
- Und Myrthen seh' ich zieren Auch noch dein Wittwenkleid