Sei allem Abschied voran…
Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter
dir, wie der Winter, der eben geht.
Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,
daß, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.
Sei immer tot in Eurydike –, singender steige,
preisender steige zurück in den reinen Bezug.
Hier, unter Schwindenden, sei, im Reiche der Neige,
sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon zerschlug.
Sei – und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung,
den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung,
daß du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.
Zu dem gebrauchten sowohl, wie zum dumpfen und stummen
|Vorrat der vollen Natur, den unsäglichen Summen,
zähle dich jubelnd hinzu und vernichte die Zahl.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Sei allem Abschied voran…” von Rainer Maria Rilke beschäftigt sich mit den Themen Abschied, Tod, Vergänglichkeit und dem Finden von Sinn im Leben, trotz und gerade wegen dieser Endlichkeit. Rilke fordert eine aktive Auseinandersetzung mit dem Abschied, der hier als ein ständiger Begleiter betrachtet wird. Die erste Strophe spricht von der Notwendigkeit, den Abschied als bereits vollzogen zu betrachten, um die Kraft zu finden, mit ihm umzugehen. Der Vergleich mit dem Winter, der vorübergeht, deutet auf eine zyklische Erfahrung hin, in der der Abschied als Teil des Lebenszyklus betrachtet wird und das Herz die Fähigkeit besitzt, auch die härtesten „Winter“ zu überstehen.
Die zweite Strophe führt das Motiv des Todes und der Wiedergeburt ein, indem sie den Leser auffordert, in Eurydikes Zustand „tot“ zu sein und dann „singend“ und „preisend“ in die Welt zurückzukehren. Dies kann als eine Metapher für das Erleben von Verlust und Trauer, gefolgt von der Fähigkeit, durch das Singen und Preisen, also durch Kunst und Kreativität, eine neue Verbindung zur Welt herzustellen. Die Zeile „sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon zerschlug“ spricht von der Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens, das im Moment des Klangs, also der Erfahrung, bereits seinen eigenen Untergang in sich trägt.
In der dritten Strophe wird die Erkenntnis des Nicht-Seins als Grundlage des Seins betont. Rilke fordert, sich der „unendlichen Grund“ der eigenen Existenz bewusst zu werden und dieses einzige Leben, das man hat, voll und ganz zu leben. Dies ist eine Aufforderung zur intensiven Lebendigkeit, zur bewussten Erfahrung aller Aspekte des Lebens, einschließlich der Vergänglichkeit.
Die abschließende Strophe erweitert das Thema, indem sie die Einheit mit der Natur und dem Universum betont. Rilke fordert den Leser auf, sich zu den „unsäglichen Summen“ der Natur zu zählen, sowohl zu dem, was genutzt wurde, als auch zu dem, was dumpf und stumm ist. Durch das „jubelnde Hinzuählen“ und die „Vernichtung der Zahl“ wird die Idee einer Auflösung in das Ganze, einer Überwindung der individuellen Endlichkeit und eine Feier des unendlichen Kreislaufs von Werden und Vergehen suggeriert. Das Gedicht ist somit eine Aufforderung, das Leben angesichts des Todes intensiv zu leben, die Endlichkeit zu akzeptieren und sich als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.