Sei allem Abschied voran...

Rainer Maria Rilke

1875

Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter dir, wie der Winter, der eben geht. Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter, daß, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.

Sei immer tot in Eurydike –, singender steige, preisender steige zurück in den reinen Bezug. Hier, unter Schwindenden, sei, im Reiche der Neige, sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon zerschlug.

Sei – und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung, den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung, daß du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.

Zu dem gebrauchten sowohl, wie zum dumpfen und stummen |Vorrat der vollen Natur, den unsäglichen Summen, zähle dich jubelnd hinzu und vernichte die Zahl.

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Illustration zu Sei allem Abschied voran...

Interpretation

Das Gedicht "Sei allem Abschied voran" von Rainer Maria Rilke handelt von der tiefen Akzeptanz des Abschieds und der Vergänglichkeit als Teil des Lebens. Rilke fordert den Leser auf, dem Abschied mit einer Haltung zu begegnen, als wäre er bereits geschehen, ähnlich wie der Winter, der gerade vorübergeht. Dieser ewige Winter symbolisiert die unendliche Herausforderung des Lebens, in der das Herz durch die "Überwinterung" überlebt. Das Gedicht ermutigt dazu, stets im Zustand des Abschieds zu sein, um das Leben intensiver zu erleben. In der zweiten Strophe bezieht sich Rilke auf die griechische Sage von Orpheus und Eurydike, wobei er den Leser auffordert, stets "tot in Eurydike" zu sein, also stets den Abschied zu spüren. Doch gleichzeitig soll man singend und preisend zurücksteigen, um das Leben im "reinen Bezug" zu feiern. Inmitten des Vergehens soll man wie ein "klingendes Glas" sein, das bereits in seinem Klang zerbrochen ist, und so die Schönheit des Vergänglichen erkennen und feiern. Die letzte Strophe betont die Dualität von Sein und Nichtsein. Rilke fordert dazu auf, sich sowohl des Seins als auch des Nichtseins bewusst zu sein, um das Leben in seiner Ganzheit zu erfahren. Man soll sich jubelnd zur Natur zählen und die unendliche Vielfalt des Lebens feiern, indem man die Zahlen "vernichtet" und sich selbst als Teil des unendlichen Ganzen begreift.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
reinen Bezug
Anspielung
Sei immer tot in Eurydike
Bildsprache
Sei immer tot in Eurydike
Hyperbel
unter Wintern ist einer so endlos Winter
Imperativ
Sei allem Abschied voran
Kontrast
Sei allem Abschied voran
Metapher
unsäglichen Summen
Parallelismus
singender steige, preisender steige
Personifikation
daß, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht
Rhetorische Frage
daß du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal
Symbolik
das klingende Glas