Sehnsucht

Charlotte von Ahlefeld

1849

Wenn Philomelens bange Liebesklage Mir neu ertönt im leisen Pappelhain, Da denk′ ich sehnend der vergangnen Tage, Und seufze schmerzlich: ach, ich bin allein!

O fühltest mit mir das warme Leben, Das neu erwacht, rings um mich her sich regt, Das Leben der Natur, die mit dem ew′gen Streben Im Jugendglanz sich jetzt empor bewegt.

Denn zwiefach schön war mir des Jahres Morgen Mit seinem holden Lächeln neben Dir. O banne schnell der Liebe leise Sorgen, Und eil′ auf ihren Flügeln her zu mir.

Dann will ich Dir die schönsten Kränze binden, Die mir des Frühlings bunter Segen beut. Gesellig soll sich Epheu um sie winden, Das als der Treue Sinnbild Dich erfreut.

Nur dann, wenn ich Dich freudig wiedersehe, Entschlummert sanft in mir der Sehnsucht Schmerz, Er flieht mich nur in Deiner theuern Nähe, Denn beglückst und füllst mein Herz.

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Illustration zu Sehnsucht

Interpretation

Das Gedicht "Sehnsucht" von Charlotte von Ahlefeld thematisiert die tiefe Sehnsucht der lyrischen Ich-Figur nach einem geliebten Menschen. Die Stimmung ist melancholisch und nostalgisch geprägt, wobei die Natur als Spiegel der inneren Gefühle dient. Der Beginn des Gedichts setzt eine traurige Atmosphäre, indem die Klage der Philomela, eine mythologische Figur, die für unerfüllte Liebe steht, ertönt und die Erinnerung an vergangene Tage wachruft. Die Wiederholung des Satzes "ach, ich bin allein!" unterstreicht die Einsamkeit und das Verlangen nach Nähe. In der zweiten Strophe wird die Natur als lebendig und voller Energie beschrieben, was im Kontrast zur inneren Leere der lyrischen Figur steht. Die Erwähnung des "ewigen Strebens" und des "Jugendglanzes" symbolisiert die Hoffnung auf Erneuerung und Wachstum, die jedoch ohne den geliebten Menschen nicht vollständig erlebt werden kann. Die Natur wird somit zum Symbol für das Verlangen nach Liebe und Verbundenheit. Die dritte Strophe ruft den geliebten Menschen direkt an und bittet ihn, die Sorgen der Liebe zu vertreiben und schnell zu kommen. Die Verwendung von "Jugendglanz" und "Morgen" verweist auf die Schönheit und Frische der gemeinsamen Zeit. Die Bitte, auf den Flügeln der Liebe zu kommen, verdeutlicht die Intensität des Verlangens und die Hoffnung auf eine Wiederbegegnung. Im letzten Teil des Gedichts wird die Idee der Gemeinschaft und Treue durch die Naturbilder verstärkt. Die Kränze, die aus den Gaben des Frühlings geflochten werden, symbolisieren die Schönheit und den Reichtum der Liebe. Der Epheu, der sich um die Kränze windet, steht für Treue und Beständigkeit. Die Sehnsucht findet erst in der Gegenwart des Geliebten Erleichterung, was die tiefe emotionale Abhängigkeit und die Erfüllung durch die Liebe unterstreicht.

Schlüsselwörter

neu leben her philomelens bange liebesklage ertönt leisen

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Stilmittel

Anapher
O fühltest / O banne
Hyperbel
Und eil′ auf ihren Flügeln her zu mir
Metapher
Wenn Philomelens bange Liebesklage
Personifikation
Das Leben der Natur, die mit dem ew′gen Streben