Sehnsucht

Detlev von Liliencron

1883

Ich ging den Weg entlang, der einsam lag, Den stets allein ich gehe jeden Tag. Die Heide schweigt, das Feld ist menschenleer; Der Wind nur weht im Knickbusch um mich her.

Weit liegt vor mir die Straße ausgedehnt; Es hat mein Herz nur dich, nur dich ersehnt. Und kämest Du, ein Wunder wär’s für mich, Ich neigte mich vor dir: ich liebe dich.

Und im Begegnen, nur ein einzger Blick, Des ganzen Lebens wär er mein Geschick. Und richtest du dein Auge kalt auf mich, Ich trotze Mädchen dir: ich liebe dich.

Doch wenn dein schönes Auge grüßt und lacht, Wie eine Sonne mir in schwerer Nacht, Ich zöge rasch dein süßes Herz an mich Und flüstre leise dir: ich liebe dich.

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Illustration zu Sehnsucht

Interpretation

Das Gedicht "Sehnsucht" von Detlev von Liliencron beschreibt die tiefe Sehnsucht des lyrischen Ichs nach einer geliebten Person. Die Stimmung ist geprägt von Einsamkeit und Melancholie, die durch die einsame Landschaft und das Fehlen von Menschen unterstrichen werden. Das lyrische Ich durchwandert täglich einen einsamen Weg, umgeben nur vom Wind, was die Isolation und die innere Leere verdeutlicht. Die Sehnsucht nach der geliebten Person wird als übermächtig dargestellt, die das Herz des lyrischen Ichs beherrscht und jede Hoffnung auf ein Wiedersehen als wunderbar empfindet. In der zweiten Strophe wird die Intensität der Sehnsucht noch verstärkt. Das lyrische Ich stellt sich verschiedene Szenarien vor, in denen es der geliebten Person begegnet. Ob ein kurzer Blick oder ein kalter Blick – die Liebe des lyrischen Ichs bleibt unerschütterlich. Die Entschlossenheit, die Gefühle offen zu bekunden, wird durch die Wiederholung des Satzes "ich liebe dich" betont, was die Tiefe und Aufrichtigkeit der Liebe unterstreicht. Die letzte Strophe führt die Möglichkeit einer positiven Reaktion der Geliebten ein. Das Lächeln und die Augen der Geliebten werden als Sonne in der dunklen Nacht beschrieben, was Hoffnung und Wärme symbolisiert. In diesem Moment der Freude und des Glücks würde das lyrische Ich die Geliebte nah an sich ziehen und ihr die Liebe gestehen. Die Wiederholung des Satzes "ich liebe dich" am Ende jeder Strophe unterstreicht die unerschütterliche und bedingungslose Natur der Liebe, die trotz aller Widrigkeiten bestehen bleibt.

Schlüsselwörter

liebe herz wär auge ging weg entlang einsam

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
stets allein ich gehe jeden Tag
Anapher
Ich neigte mich vor dir: ich liebe dich
Enjambement
Weit liegt vor mir die Straße ausgedehnt; Es hat mein Herz nur dich, nur dich ersehnt
Hyperbel
Des ganzen Lebens wär er mein Geschick
Metapher
Wie eine Sonne mir in schwerer Nacht
Personifikation
Die Heide schweigt, das Feld ist menschenleer