Sehnsucht nach dem Winter
1767Die Stürme befahren die Luft, verhüllen den Himmel in Wolken, Und jagen donnernde Ströme durchs Land; Die Wälder stehen entblösst: das Laub der geselligen Linde Wird weit umher in die Thäler geführt.
Der Weinstock, ein dürres Gesträuch – – Was klag’ ich den göttlichen Weinstock? Auf! Freunde, trinket sein schäumendes Blut, Und lasst den Autumnus entfliehn mit ausgeleeretem Füllhorn, Und ruft den Winter im Tannenkranz her.
Er deckt den donnernden Strom mit diamantenem Schilde, Der alle Pfeile der Sonne verhöhnt, Und füllt mit Blüthe den Wald, dass alle Thiere sich wundern, Und säet Lilien über das Thal. Dann zittern die Bräute nicht mehr in wankender Gondel; sie fliegen Beherzt auf gleitenden Wagen dahin: Der Liebling wärmet sich falsch im Hermeline der Nymphe, Die Nymphe lächelt, und wehret ihm falsch.
Dann baden die Knaben nicht mehr, und schwimmen nicht unter den Fischen; Sie gehn auf harten Gewässern einher, Und haben Schuhe von Stal: der Mahn der freundlichen Venus Verbarg der Blitze Geschwindigkeit drein.
O Winter! eile voll Zorn, und nimm den kältesten Ostwind, Und treib die Krieger aus Böhmen zurück, Und meinen erstarreten Kleist. Noch hab’ ich ihm seine Lykoris, Und Wein von mürrischem Alter bewahrt.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Sehnsucht nach dem Winter" von Karl Wilhelm Ramler beschreibt den Übergang von Herbst zu Winter und die damit verbundenen Veränderungen in der Natur und im menschlichen Leben. Der Herbst wird als stürmische und chaotische Zeit dargestellt, in der die Blätter von den Bäumen fallen und der Weinstock kahl wird. Der Sprecher fordert seine Freunde auf, den Wein zu trinken und den Herbst mit seinem leeren Füllhorn entfliehen zu lassen, um den Winter willkommen zu heißen. Der Winter wird als eine Zeit der Schönheit und des Schutzes dargestellt. Er bedeckt die Ströme mit einem diamantenen Schild, der die Pfeile der Sonne verspottet, und füllt den Wald mit Blüten, die die Tiere verblüffen. Die Bräute müssen nicht mehr in wackeligen Gondeln zittern, sondern können mutig in gleitenden Wagen fahren. Die Nymphen lächeln und täuschen ihre Liebhaber, während die Knaben auf harten Gewässern mit Schuhen aus Stahl gehen können, die die Geschwindigkeit der Blitze enthalten. Das Gedicht endet mit einem Appell an den Winter, schnell zu kommen und die kriegerischen Auseinandersetzungen zu beenden. Der Sprecher bittet den Winter, seinen Freund Kleist und den mürrischen Wein zu bewahren. Insgesamt drückt das Gedicht eine Sehnsucht nach der Ruhe und Schönheit des Winters aus, die den chaotischen Herbst und die kriegerischen Konflikte ablösen soll.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Und ... Und ... Und ...
- Hyperbel
- Dann zittern die Bräute nicht mehr in wankender Gondel; sie fliegen Beherzt auf gleitenden Wagen dahin
- Metapher
- Noch hab' ich ihm seine Lykoris bewahrt
- Personifikation
- Die Stürme befahren die Luft