Sehnsucht

Wilhelm Hauff

1916

Die Sonne grüßt Tubingas Höhn, Der Berge Morgennebel fallen, Und leichte Frühlingslüfte wehn, Im Tal die Herdenglocken schallen, Des Neckars sanfte Welle quillt An der Gestade Rebenhügel, Es taucht die alte Burg ihr Bild In seinen silberreinen Spiegel. Wie wär der Morgen doch so schön, Könnt ich mit dir mich da ergehn!

Und reger wogt′s am Ufer hin, Wenn Mittag zu den Schatten ladet, Wenn sich durch frisches Blättergrün Die Sonne in dem Strome badet; Der Hirte zieht den Linden zu, Der Winzer steigt vom Berge nieder, Und in des kühlen Strandes Ruh Erwachen ihre Kräfte wieder; Am Neckarstrand ruht ich so gerne, Wär nicht Louise in der Ferne.

Der Abend senket seinen Strahl, Die Herden ziehen von den Weiden, Und fernhin durch das holde Tal Die Dörfer zu der Ruhe läuten; Da kommen Mädchen Hand in Hand Den Wiesenplan heraufgezogen; Es wölbt für sie am grünen Strand Der Lindengang die hohen Bogen; Doch jenen Linden fehlt das eine, Ich wandle ohne sie - alleine!

Auf geht des Mondes Silberstrahl Er malt den Berg mit falbem Glanze, Er ruft die Geister in das Tal, Er leuchtet ihrem Reigentanze; Ihr Berge all von Duft umhüllt, Du Tal, am Strome auf und nieder, Du wärst so hold, du wärst so mild, Dir weiht ich meine frohsten Lieder - Du wärst so schön im Abendscheine Schlüg sie ihr Aug hier in das meine.

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Illustration zu Sehnsucht

Interpretation

Das Gedicht "Sehnsucht" von Wilhelm Hauff beschreibt die tiefe Sehnsucht des lyrischen Ichs nach seiner Geliebten Louise, die sich in der Ferne befindet. Die Natur und die Landschaft um Tübingen werden in den drei Strophen zu verschiedenen Tageszeiten dargestellt, wobei die Schönheit der Umgebung durch die Abwesenheit der Geliebten getrübt wird. In der ersten Strophe wird der Morgen in Tübingen beschrieben. Die Sonne grüßt die Höhen der Stadt, der Morgennebel fällt von den Bergen, und leichte Frühlingswinde wehen. Die Herdenglocken im Tal und die sanfte Welle des Neckars tragen zur idyllischen Stimmung bei. Trotz der Schönheit der Landschaft und der spiegelnden Burg im Fluss fehlt dem lyrischen Ich die Freude, da es sich wünscht, diese Schönheit mit seiner Geliebten teilen zu können. Die zweite Strophe schildert den Mittag. Die Schatten laden zur Ruhe ein, und die Sonne badet sich im Fluss durch das frische Blättergrün. Hirten und Winzer kehren von ihrer Arbeit zurück, und die Menschen erholen sich an den Ufern des Neckars. Auch hier wird die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach Louise deutlich, die in der Ferne weilt und somit die Schönheit des Moments trübt. In der dritten Strophe wird der Abend beschrieben. Die Herden ziehen von den Weiden, und die Dörfer läuten zur Ruhe. Mädchen kommen Hand in Hand den Wiesen entlang, und unter den Linden am Fluss wird getanzt. Das lyrische Ich fühlt sich jedoch allein, da Louise nicht an seiner Seite ist. Selbst der Mondschein und die tanzenden Geister können die Sehnsucht nicht stillen. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, dass Louise ihr Auge in das des lyrischen Ichs schlagen möge, um die Schönheit der Abendstimmung vollends zu genießen.

Schlüsselwörter

tal berge wärst sonne wär schön strome linden

Wortwolke

Wortwolke zu Sehnsucht

Stilmittel

Anapher
Du wärst so hold, du wärst so mild, Dir weiht ich meine frohsten Lieder
Metapher
Schlüg sie ihr Aug hier in das meine
Personifikation
Er leuchtet ihrem Reigentanze