Sehnsucht

Lisa Baumfeld

1877

»… Psyche, my soul.« … Edgar Poe.

Du hast dereinst in heissen Stunden Oft weinende, wünschende Sehnsucht empfunden, Oft glühend begehrendes, drängendes Brennen, Den ewigen Urquell des Seins zu erkennen Und lichtgesättigt … erkennend vergeh′n …

Du hast oft dämm′rig verträumtes Weh′n Und leises, lindlallendes Sehnen gefühlt Nach mildem Balsam, der Wunden kühlt, Nach schlummernder, stillender Friedensnacht …

Dann wolltest du duftende, klingende Pracht Und ewiger Schönheit berauschende Flut Und ewiger Liebe beglückende Glut … Und immer hast du dich gesehnt und gequält Nach dem Einzigen, Einen, das immer dir fehlt′, Und hast dereinst in heissen Stunden Oft weinende, wünschende Sehnsucht empfunden …

Das ist vorbei … du bist so stille! Verstummt all dein irrender, rastloser Wille, Verstummt ist das alte, süss-traurige Lied, Das dich so oft gequält, gemüht, Und endlich magst du glücklich sein!

Doch meine Seele seufzet: - Nein, Mir ist so eisig, eisig′ kalt! Ich wollt′, sie käme wieder bald! Das schmächtige, duftige, todkranke Weib, Mit ewig verlangendem, bebendem Leib Und ewig verlangenden, schmerzlichen Blicken … Denn Schmerz und Verlangen ist höchstes Entzücken … Und süsser Genuss sind todtraurige Lieder … Ich sehne, ich sehne nach Sehnsucht mich wieder!

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Illustration zu Sehnsucht

Interpretation

Das Gedicht "Sehnsucht" von Lisa Baumfeld beschäftigt sich mit den intensiven Gefühlen der Sehnsucht und des Verlangens. Die Sprecherin schildert, wie sie in heißen Stunden oft weinende, wünschende Sehnsucht empfunden hat, ein glühendes Begehren, den ewigen Urquell des Seins zu erkennen. Sie sehnt sich nach lichtgesättigter Erkenntnis und dem Verlöschen im Erkennen. Die Sehnsucht wird als ein dämmriges Weh'n und leises Sehnen nach Trost, Frieden und Schönheit beschrieben. Die Sprecherin will die betäubende Pracht und die beglückende Glut der ewigen Liebe erfahren. Doch immer fehlt ihr das Einzige, EINE, nach dem sie sich sehnt und das sie quält. In der zweiten Strophe ist die Sehnsucht vorbei. Der irrende, rastlose Wille ist verstummt, das alte, süß-traurige Lied, das die Sprecherin so oft gequält hat, ist verstummt. Die Sprecherin scheint endlich glücklich zu sein. Doch dann meldet sich die Seele der Sprecherin zu Wort. Ihr ist eisig kalt. Sie wünscht sich, dass die Sehnsucht bald zurückkehrt. Die Seele sehnt sich nach dem schwächlichen, duftigen, todkranken Weib mit dem ewig verlangenden, bebenden Leib und den ewig verlangenden, schmerzlichen Blicken. Schmerz und Verlangen sind für die Seele höchstes Entzücken. Die traurigen Lieder sind süßer Genuss. Die Seele sehnt sich danach, sich wieder nach der Sehnsucht zu sehnen.

Schlüsselwörter

oft hast sehnsucht dereinst heissen stunden weinende wünschende

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Mit ewig verlangendem, bebendem Leib Und ewig verlangenden, schmerzlichen Blicken
Anapher
»... Psyche, my soul.« ... Edgar Poe. Du hast dereinst in heissen Stunden Oft weinende, wünschende Sehnsucht empfunden
Hyperbel
Und immer hast du dich gesehnt und gequält Nach dem Einzigen, Einen, das immer dir fehlt′
Parallelismus
Ich sehne, ich sehne nach Sehnsucht mich wieder!
Personifikation
Nach mildem Balsam, der Wunden kühlt