Sehnsucht
1749Was zieht mir das Herz so? Was zieht mich hinaus? Und windet und schraubt mich Aus Zimmer und Haus? Wie dort sich die Wolken Um Felsen verzieh′n! Da möcht′ ich hinüber, Da möcht′ ich wohl hin!
Nun wiegt sich der Raben Geselliger Flug; Ich mische mich drunter Und folge dem Zug. Und Berg und Gemäuer Umfittichen wir; Sie weilet da drunten; Ich spähe nach ihr.
Da kommt sie und wandelt; Ich eile so bald, Ein singender Vogel, Zum buschigen Wald. Sie weilet und horchet Und lächelt mit sich: “Er singet so lieblich Und singt es an mich.”
Die scheidende Sonne Verguldet die Höh′n; Die sinnende Schöne, Sie läßt es gescheh′n. Sie wandelt am Bache Die Wiesen entlang, Und finster und finstrer Umschlingt sich der Gang.
Auf einmal erschein′ ich, Ein blinkender Stern. “Was glänzet da droben, So nah und so fern?” Und hast du mit Staunen Das Leuchten erblickt; Ich lieg′ dir zu Füßen, Da bin ich beglückt!
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Interpretation
Das Gedicht "Sehnsucht" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die tiefe innere Unruhe und das Verlangen eines lyrischen Ichs, das von einem starken Drang nach Freiheit und Natur ergriffen wird. Das Herz des Sprechers zieht ihn hinaus aus den beengenden Räumen, symbolisiert durch die "Zimmer und Haus", hin zu einer weiten, ungebundenen Welt. Die Natur, dargestellt durch Wolken, Berge und Täler, wird zum Sehnsuchtsort, an den sich das Ich unbedingt begeben möchte. Die Reise des lyrischen Ichs folgt dem Flug der Raben, die als gesellige Gruppe die Lüfte durchqueren. Dies symbolisiert die Verbundenheit mit der Natur und den Wunsch, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Das Ich mischt sich unter die Raben und folgt ihrem Zug, wobei es die Berge und Gemäuer umfliegt. Die "sie" im Gedicht, die unten im Tal weilt, scheint ein weibliches Wesen zu sein, das das Ich sucht und beobachtet. Das Gedicht endet mit einer mystischen Begegnung zwischen dem lyrischen Ich und der schönen Frau. Das Ich erscheint plötzlich wie ein "blinkender Stern" und erfüllt die Frau mit Staunen. Das Ich liegt ihr zu Füßen und ist beglückt, was auf eine tiefe emotionale Verbindung und Erfüllung hindeutet. Die Sehnsucht des Ichs findet in dieser Begegnung ihre Vollendung und Befriedigung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Auf einmal erschein' ich, Ein blinkender Stern.
- Hyperbel
- Und windet und schraubt mich
- Metapher
- Ein singender Vogel
- Personifikation
- Die scheidende Sonne Verguldet die Höh'n
- Vergleich
- Wie dort sich die Wolken Um Felsen verzieh'n!