Sehnsucht

Heinrich Heine

1797

Jedweder Geselle, sein Mädel am Arm, Durchwandelt die Lindenreihn; Ich aber, ich wandle, daß Gott erbarm, Ganz mutterseelenallein.

Mein Herz wird beengt, mein Auge wird trüb, Wenn ein andrer mit Liebchen sich freut. Denn ich habe auch ein süßes Lieb, Doch wohnt sie gar ferne und weit.

So manches Jahr ich getragen hab, Ich trage nicht länger die Pein, Ich schnüre mein Bündlein, und greife den Stab, Und wandr in die Welt hinein.

Und wandre fort manch hundert Stund, Bis ich komm an die große Stadt; Sie prangt an eines Stromes Mund, Drei keckliche Türme sie hat.

Da schwindet bald mein Liebesharm, Da harret Freude mein; Da kann ich wandeln, feins Liebchen am Arm, Durch die duftigen Lindenreihn.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Sehnsucht

Interpretation

Das Gedicht "Sehnsucht" von Heinrich Heine thematisiert die tiefe Einsamkeit und das Verlangen des lyrischen Ichs nach seiner Geliebten. Der Sprecher beobachtet andere Paare, die Hand in Hand durch die Alleen spazieren, während er selbst allein und von Trauer erfüllt ist. Die Sehnsucht nach seiner fernen Liebsten wird durch die Beschreibung seiner körperlichen Reaktionen, wie das beengte Herz und das trübe Auge, deutlich. Die zweite Strophe verdeutlicht die Intensität der Gefühle des lyrischen Ichs. Es hat eine süße Liebe, doch die Geliebte wohnt weit entfernt, was die Trennung und das Verlangen noch verstärkt. Das lyrische Ich beschließt, seine Pein nicht länger zu ertragen und macht sich auf den Weg in die Welt, um seine Liebste zu finden. Dies symbolisiert den Wunsch nach Veränderung und die Bereitschaft, für die Liebe große Anstrengungen auf sich zu nehmen. Die dritte Strophe beschreibt die Reise des lyrischen Ichs. Es wandert hunderte Stunden, bis es eine prächtige Stadt erreicht, die an einem Flussmund liegt und drei markante Türme besitzt. Diese Stadt symbolisiert das Ziel und die Hoffnung des lyrischen Ichs, seine Liebste wiederzufinden. Die Beschreibung der Stadt vermittelt einen Eindruck von Pracht und Schönheit, was die Erwartungen des lyrischen Ichs steigert. Die letzte Strophe schließt das Gedicht mit einer optimistischen Wendung ab. In der Stadt schwindet der Liebeskummer des lyrischen Ichs, und es erwartet Freude. Es kann sich vorstellen, Hand in Hand mit seiner Liebsten durch die duftigen Alleen zu spazieren, was die Erfüllung seiner Sehnsucht und den Ausgleich für die erlittene Einsamkeit bedeutet. Das Gedicht endet mit der Aussicht auf ein glückliches Wiedersehen und die Überwindung der Trennung.

Schlüsselwörter

arm lindenreihn liebchen jedweder geselle mädel durchwandelt wandle

Wortwolke

Wortwolke zu Sehnsucht

Stilmittel

Bildsprache
Drei keckliche Türme sie hat
Hyperbel
So manches Jahr ich getragen hab
Kontrast
Jedweder Geselle, sein Mädel am Arm, Durchwandelt die Lindenreihn; Ich aber, ich wandle, daß Gott erbarm, Ganz mutterseelenallein
Parallelismus
Da schwindet bald mein Liebesharm, Da harret Freude mein
Personifikation
Sie prangt an eines Stromes Mund