Sehnsucht

Friedrich von Schiller

1805

Ach, aus dieses Tales Gründen, Die der kalte Nebel drückt, Könnt ich doch den Ausgang finden, Ach wie fühlt ich mich beglückt! Dort erblick ich schöne Hügel, Ewig jung und ewig grün! Hätt ich Schwingen, hätt ich Flügel, Nach den Hügeln zög ich hin.

Harmonien hör ich klingen, Töne süßer Himmelsruh, Und die leichten Winde bringen Mir der Düfte Balsam zu, Goldne Früchte seh ich glühen, Winkend zwischen dunkelm Laub, Und die Blumen, die dort blühen, Werden keines Winters Raub.

Ach wie schön muß sichs ergehen Dort im ewgen Sonnenschein, Und die Luft auf jenen Höhen, O wie labend muß sie sein! Doch mir wehrt des Stromes Toben, Der ergrimmt dazwischen braust, Seine Wellen sind gehoben, Daß die Seele mir ergraust.

Einen Nachen seh ich schwanken, Aber ach! der Fährmann fehlt. Frisch hinein und ohne Wanken, Seine Segel sind beseelt. Du mußt glauben, du mußt wagen, Denn die Götter leihn kein Pfand, Nur ein Wunder kann dich tragen In das schöne Wunderland.

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Illustration zu Sehnsucht

Interpretation

Das Gedicht "Sehnsucht" von Friedrich von Schiller handelt von der unerfüllbaren Sehnsucht des lyrischen Ichs nach einer paradiesischen, ewigen Schönheit und Harmonie. Das Ich befindet sich in einem dunklen, nebligen Tal und sehnt sich danach, die grünen Hügel auf der anderen Seite eines wilden Flusses zu erreichen, wo ewiger Sonnenschein, süße Klänge und duftende Blumen herrschen. Das lyrische Ich beschreibt die idyllische Szenerie auf den Hügeln in lebendigen, positiven Bildern: goldene Früchte, die zwischen dunklem Laub leuchten, Blumen, die dem Winter trotzen, und eine labende Luft auf den Höhen. Dieses Paradies steht in starkem Kontrast zum eigenen tristen Dasein im Tal, das von Kälte und Nebel geprägt ist. Doch das Ich wird von dem tobenden Fluss, der "ergrimmt dazwischen braust", an der Überquerung gehindert. Die Wellen versetzen die Seele in Schrecken. Ein Nachen wird zwar gesichtet, doch der Fährmann fehlt. Das lyrische Ich kommt zu dem Schluss, dass es Glauben und Wagemut braucht, um die Reise ins "schöne Wunderland" anzutreten. Die Götter gewähren jedoch kein Pfand, sodass nur ein Wunder die Überquerung des Flusses ermöglichen kann. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies unerfüllbar bleibt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Ach, wie schön muß sichs ergehen
Hyperbel
Ewig jung und ewig grün
Metapher
Das Wunderland als Ziel der Sehnsucht
Personifikation
Der Strom tobt und braust ergrimmt
Symbolik
Der Fährmann als fehlendes Element für die Überquerung