Seenot
1924Der Kapitän, der Steuermann, vom Deck die Offiziere schaun sorgenvoll den Himmel an. Ein rascher Blick fällt dann und wann auch auf die Passagiere.
Das räkelt faul den Bauch an Bord, schlemmt in der Luxusmesse, das lacht und prahlt und flucht: Potz Mord! und karessiert, Bankier wie Lord, die blonde Stewardesse.
Das führt Devisen mit und bar, gab Gold in erznen Urnen den sich′ren Kojen in Verwahr- und droht dem Dampfer Sturmgefahr, dann mag die Mannschaft turnen.
Die Mannschaft turnt. In Rauch und Dreck schleppt sie und keucht und schuftet und riecht bei zähem Schiffsgebäck, wie Bratenbrüh und Rahmgeschleck aus der Kajüte duftet.
Die See geht hoch, scharf geht der Wind, hart poltert die Maschine. Die Hände regen sich geschwind um Kessel, Reling und Gewind, um Großtopp und Turbine.
Da tritt ein Bootsmann vor und spricht gepreßt durch bleiche Lippen: “Kap′tän, die Schotten schließen nicht. Wenn achtern die Verschalung bricht, ist′s aus; dann hilft kein Schippen.”
“Ach, Unsinn.” Doch der Seemann knackt nervös mit seinen Fingern. Er hört des Motors falschen Takt, er fühlt, wenn Flut die Planken packt, den ganzen Kasten schlingern.
Schon lange klagt der Maschinist; der Kessel will nicht heizen. Das Schiff verzögert seine Frist, und im Proviantraum nagt und frißt die Feuchtigkeit am Weizen.
Der Steuermann zeigt ohne Wort nach dem Gewölk im Norden. Das letzte Himmelsblau glitt fort. Wo eben Lichter spielten, dort ist graue Nacht geworden.
Die grünen Wogen trommeln dumpf und drohend ihre Weisen. Im Zwischendeck, im Dampferrumpf drängt sich′s, mit Augen bang und stumpf. Hier ist die Not auf Reisen.
Mittschiffs jedoch im Aufbausaal, da sprühn des Reichtums Wunder, Musik jauchzt toll zum Bacchanal, Juwelen blitzen ohne Zahl bei Austern und Burgunder.
Vor einer Flasche Haute-Sauterne, im Mund die Zigarette, am Ecktisch sitzen ein paar Herrn, die Brust geschmückt mit Band und Stern, die Uhr an goldner Kette.
Sie kümmert nicht der Damenflor, das Flirten und Scharmieren. Sie beugen ihre Glatzen vor und flüstern in des Nachbars Ohr von Aktien und Papieren.
“Hier noch ein Kognak extra fein!” Die Stewards huschen schweigend mit Mokka, Schnaps, Biskuit und Wein. Da tritt der Kapitän herein, sich links und rechts verneigend.
Man dankt dem Seemann frohgelaunt, sieht ihn zum Ecktisch schreiten. Ein dicker Herr steht auf. Man raunt. Die andern sehn den Gast erstaunt den Kapitän begleiten.
Der, wie dem Hauptmann der Soldat, hebt an, Bericht zu geben: “Gefahr droht, Herr Kommerzienrat. Ich fürchte, schweres Wetter naht. Es geht um Schiff und Leben!” -
“Doch nicht die erste Klasse, wie? Soll′n wir vielleicht ersaufen?” - “Das Schiff ist nach der Havarie beim großen Sturm - ich warnte Sie - zu früh vom Dock gelaufen.
Zweitausend Menschen - und die Fracht; wir haben schwer geladen. Wenn man den Dampfer leichter macht, wird er, so hoff ich, flottgebracht. Sonst steh ich nicht für Schaden.” -
“Was sagt die Mannschaft?” - “Oh, die faßt forsch zu an allen Bänken; schimpft auch auf den Kajütengast und will, ich soll als erste Last Ihr Gold ins Meer versenken.” -
“Mein Gold?! Den Plan, verdammte Brut, den mach ich euch zuschanden! Bevor ein Ünzlein in die Flut versinkt, fliegt alles Mannschaftsgut erst über Bord! Verstanden?!” -
“Sie spaßen!” ruft der Kapitän. “Wir würden grenzenlosen, furchtbaren Haß und Aufruhr sä′n. Ich will nach andrer Rettung spähn - Hand weg von den Matrosen!
Es sind an Bord zehn Kisten Horn und tausend Cheviotballen, dann noch, im großen Kühlraum vorn, dreihundert Tonnen Weizenkorn. Das mag als Ballast fallen!”
Der Dicke schnaubt: “Sie können frei als Kapitän ermessen. Jedoch das ist an Land vorbei, und ich bin Chef der Reederei - wolln Sie das nicht vergessen!
Mein ist das Horn und mein das Tuch, mein das Getreidelager. Geht von der Ladung was in Bruch, versichert steht die Fracht zu Buch bei meinem Freund und Schwager!”
Da kommt der Erste Offizier: “Das Löschen muß beginnen. Am Steven dringt das Wasser schier in Strömen ein. Bald sehen wir es in die Kojen rinnen.” -
“Gut. Über Bord-Befehl ist da! - die Koffer und die Fetzen der Mannschaft - samt Harmonika und Priem. Es wird den Schaden ja die Reederei ersetzen. -
Das ist ein Tropfen auf ein Faß. Doch muß man es versuchen.” Der Offizier begibt sich blaß zu seinen Leuten: dies und das - da hilft kein Drohn und Fluchen.
Das Schiffsvolk disputiert und läuft. “Was? Unsre paar Klamotten! Und hinten liegt das Gold gehäuft in Urnen!” - Und das Wasser säuft sich glucksend durch die Schotten.
“Die Bande lebt in Saus und Braus! Wir streiken!” rufen Stimmen. “Pumpt euch allein das Wasser raus! Von uns aus könnt mit Ratz und Maus ihr an das Festland schwimmen!”
Man legt das Werkzeug aus der Hand. Ein Teil nur bleibt beim Schöpfen. Ganz langsam steigt der Wasserrand. Die Streiker sind aus Rand und Band und schrein mit heißen Köpfen.
Der Kaufherr rennt zum Zwischendeck -: “Hört ihr den Lärm da oben? Man meutert, und das Schiff ist leck! Faßt ihr mit an zum guten Zweck - dann ist die Not behoben.” -
“Nothilfe! Vorwärts! Du und du! Wir strafen die Gesellen!” Und viele Hände greifen zu. Des Schiffsvolks Hab und Gut im Nu verschwindet in den Wellen.
Die Mannschaft starrt ihm nach. Parbleu! Wut blitzt durch ihre Lider. Der Kiel steigt etwas in die Höh. Von Norden her pfeift eine Bö. Das Wetter senkt sich wieder.
Und die Matrosen gehn zurück ans Werk. Die Herzen bluten. Die Koffer tragen, jedes Stück, ein wenig Liebe, etwas Glück hinunter in die Fluten.
Indes der Zweck ist nicht erreicht: schon feuchten sich die Luken - Matrosenhabe wiegt zu leicht. Der Kapitän sieht′s, prüft, erbleicht. Gefahrgespenster spuken.
Er klagt′s dem Reeder. - “Ja”, spricht der, “da heißt′s Entschlüsse fassen! Zweitausend Menschen lasten schwer. Die Boote klar, und raus ins Meer! Die Streiker sind entlassen!
Was bleibt, wird praktisch eingeteilt und schafft in Überstunden. Sonst: Zwischendeckler angekeilt - dann ist der Schaden ausgeheilt. Die Lösung ist gefunden.” -
“Wie, Herr Kommerzienrat? Nein, Nein! Hier geht′s um Menschenseelen!” - “Ich will′s. Fracht ist und Dampfer mein!” Da knickt der Mut des Seemanns ein -: “Sie haben zu befehlen.”
Rasch geht′s an Bord von Mund zu Mund; ein Murren folgt, ein Tosen. Man trotzt. Der Wucherer! Der Hund! Nothelfer aber mühn sich - und: behüt euch Gott, Matrosen!
Der Nord bläst lauter über See. Im Saale blasen Flöten. Da tanzt vergnügt die Hautevolee - Graf X und die Baronin C -; das weiß von keinen Nöten.
Und wieder hebt sich leicht der Kiel. Das Wasser scheint zu weichen. Doch immer noch trägt viel zu viel das Schiff. Der Pumpen schweres Spiel vermag′s nicht auszugleichen.
Ach, auf die Hoffnung folgt der Sturz. Das Leck klafft stündlich breiter, und bei der Arbeit grollt′s und murrt′s: “Die Müh zu schwer, die Kost zu kurz - wir können nicht mehr weiter!”
Des Meeres Fläche brodelt schon wie Brei der Höllenküche, und in des Sturms Trompetenton mischt sich der Ausgesetzten Hohn, ihr Schrei′n und ihre Flüche.
Der Kapitän, bedeckt mit Schweiß, steht wieder vor dem Reeder: “Herr, geben Sie die Ladung preis! Und wär′s ein Bruchteil nur, so weiß es Ihnen Dank ein jeder.
Heb ich nicht schnell das Loch am Bug bis übern Meeresspiegel, dann ist′s zu spät. - Herr, sei′n Sie klug!” - “Nein! Meiner Opfer sind′s genug, und darauf Brief und Siegel!
Daß unsereins stets opfern soll! Man mißbraucht unsre Güte; - ist doch von Menschen übervoll mit Sack und Pack - trotz hohem Zoll - die Zwischendeckskajüte.
Dort zugepackt mit Energie! Ist′s hart - auch ich hab Sorgen. Das drückt aufs Schiff. Da räumen Sie. Mein Gold und meine Ware - nie! Berichten Sie mir morgen.”
Kommandos schallen übers Schiff. Was gibt′s? Wer kann es fassen? Hier tönt ein Ruf und dort ein Pfiff. Vom Zuring löst des Bootsmanns Griff die Kutter und Pinassen.
Derweilen rennt′s im Zwischendeck und drängt′s in den Kabinen. Der Frauen Haar ist wirr vor Schreck. Manch Auge starrt auf einen Fleck aus wutverzerrten Mienen.
“Uns schifft man aus wie tote Last. Wir haben sie gerettet. Das schwelgt in Wollust, hurt und praßt. Zum Kampf, wer seine Mörder haßt! So wurde nicht gewettet!”
Die Männer baun sich stieren Blicks vor Weib und Kind als Schanze. - Im Festsaal wippt mit Kuß und Knicks Baronin C und Graf von X. Musik spielt auf zum Tanze. -
Der Kapitän, in jeder Hand den Browning, ernst entschlossen, tritt vor: “Wer leistet Widerstand! Ich bin hier Herr. Mein Wort zum Pfand: Wer meutert, wird erschossen!”
Die Schiffsbesatzung ist zum Streit im Halbkreis aufgezogen, Pistolen, Äxte sind bereit. Ein Weib schluchzt auf. Ein Säugling schreit. Der Sturm zieht durch die Wogen.
Da stürzen Männer vor: “Du Schuft! - Auf, mit vereintem Mute!” Getümmel. Schüsse, Rauch verpufft. Ein Schwergetroffner ringt nach Luft. Fünf wälzen sich im Blute.
Noch einmal Lärm und Fußgestampf und Knallen der Pistolen. Vorbei - besiegt. Aus ist der Kampf. Fern, schauerlich dringt durch den Dampf vom Meer her heis′res Johlen.
Man führt sie, Weib und Kind voran, zum Bootsdeck in die Kutter. Dann senkt sie rasch der Davitskran hinab zum grünen Ozean. Die Kleinen wimmern: “Mutter!”
Die Armut drückt nicht mehr. - Nun geigt und hüpft die Lust der Prasser. Und sieh, der Schiffsrumpf hebt sich, steigt, und wo am Bug das Leck sich zeigt, fließt endlich ab das Wasser.
Der Reeder lacht: “Das Glück war hold. Der Alpdruck ist verschwunden. Die Drohnen drückten - nicht mein Gold. Drum lange Arbeit, wenig Sold. Dann wird das Schiff gesunden.”
Nun hämmert′s, hastet′s, werkelt, rennt und pflastert Loch und Schaden, bis Schläfe, Herz und Auge brennt. Sturmwolken ziehn am Firmament vorbei in gelben Schwaden.
Das Meer bäumt brüllend sich empor, schlägt hoch aufs Deck die Wellen. Doch durch der Wetter schrillen Chor klingt grell der Rachefluch hervor der Armen und Rebellen.
Und die Besatzung plagt sich, schwitzt - kein Schlaf und Hungerzahlung. Der Sturm posaunt. Der Himmel blitzt. Die Schotten geben nach, es spritzt die Flut durch die Verschalung.
Mann und Maschine seufzt und keucht. Schon stöhnt′s: “Wir können nimmer.” Beim Heizraum, finster, dumpf und feucht, im Kerker wird der Schlaf verscheucht dem Kuli wie dem Trimmer …
So treibt das Schiff auf trunkner See, umtobt von Sturm und Hasse. Graf X führt die Baronin C - die fürchten nichts - im Neglige zur Koje I. Klasse –
Der Dampfer “Deutschland” ist in Not. Wird ihn die Flut vernichten? Sprengt ihn sein morscher Kessel tot? Stürmt ihn die Wut des Volks im Boot? - Die Zeitung wird′s berichten
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Interpretation
Das Gedicht "Seenot" von Erich Kurt Mühsam ist eine eindringliche Darstellung der sozialen Ungleichheit und der Ausbeutung der Arbeiterklasse. Es verwendet das Bild eines Schiffes in Seenot als Metapher für die Gesellschaft, in der die Reichen in Sicherheit und Luxus schwelgen, während die Armen unter den Folgen ihrer Entscheidungen leiden. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung der Passagiere und der Besatzung des Schiffes. Die Passagiere, die aus der oberen Klasse stammen, genießen das Leben in vollen Zügen, während die Mannschaft unter schwierigen Bedingungen arbeitet. Diese Ungleichheit wird durch die Beschreibung der Luxusmesse und der goldenen Urnen symbolisiert. Die Handlung intensiviert sich, als das Schiff in Seenot gerät. Der Kapitän und der Reeder diskutieren über die Möglichkeit, das Schiff zu retten, indem sie die Ladung über Bord werfen. Der Reeder weigert sich jedoch, sein Gold und seine Waren aufzugeben, und besteht darauf, dass die Mannschaft und die Passagiere im Zwischendeck geopfert werden. Das Gedicht endet mit der Rettung des Schiffes, aber zu einem hohen Preis. Die Armen und Rebellen werden über Bord geworfen, während die Reichen in Sicherheit sind. Dies verdeutlicht die Ungerechtigkeit und Ausbeutung in der Gesellschaft, bei der die Reichen auf Kosten der Armen profitieren. Insgesamt ist "Seenot" ein kraftvolles Gedicht, das die sozialen Missstände seiner Zeit anprangert und die Leser dazu aufruft, über die Ungleichheit und Ausbeutung in der Gesellschaft nachzudenken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Zweitausend Menschen - und die Fracht; wir haben schwer geladen.
- Metapher
- Der Dampfer 'Deutschland' ist in Not.
- Personifikation
- Der Nord bläst lauter über See.
- Stilmittel
- Textstelle
- Symbolik
- Das Wasser steht für die Not und das Leid der Unterschicht.