Seemärchen

Gottfried Keller

1846

Und als die Nixe den Fischer gefaßt, Da machte sie sich abseiten; Sie schwamm hinaus mit lüsterner Hast, Hinaus in die nächtlichen Weiten.

Sie schwamm in gewaltigen Kreisen herum, Bald oben, bald tief am Grunde, Sie wälzt′ mit dem Armen sich um und um Und küßt ihm das Rot vom Munde.

Drei Tage hatte sie Zeitvertreib Mit ihm in den Meeresweiten Am vierten ließ sie den toten Leib Aus ihren Armen gleiten.

Da schoß sie empor an das sonnige Licht Und schaute hinüber zum Lande; Sie schminkte mit Purpur das weiße Gesicht Und nahte sich singend dem Strande.

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Illustration zu Seemärchen

Interpretation

Das Gedicht "Seemärchen" von Gottfried Keller erzählt eine tragische Liebesgeschichte zwischen einer Nixe und einem Fischer. Die Nixe fängt den Fischer und schwimmt mit ihm hinaus in die weiten, nächtlichen Meeresgründe. Sie umkreist ihn in gewaltigen Kreisen, taucht auf und ab, und küsst ihm das Rot vom Mund. Die Nixe genießt drei Tage lang die Zeit mit dem Fischer in den Meeresweiten, bis sie am vierten Tag seinen toten Leib aus ihren Armen gleiten lässt. Die Nixe schießt daraufhin empor zum sonnigen Licht und blickt hinüber zum Land. Sie schminkt ihr weißes Gesicht mit Purpur und nähert sich singend dem Strand. Die Interpretation des Gedichts legt nahe, dass die Nixe den Fischer nicht aus Liebe, sondern aus reinem Vergnügen und Lust getötet hat. Die Beschreibung der Nixe als "lüstern" und die Tatsache, dass sie den Fischer nur drei Tage lang bei sich behält, bevor sie ihn sterben lässt, unterstreichen ihre kalte und gefühllose Natur. Das Gedicht kann als Warnung vor der Gefahr der Verführung und der Täuschung durch äußere Schönheit interpretiert werden. Die Nixe erscheint auf den ersten Blick als bezaubernde und verführerische Kreatur, doch in Wahrheit ist sie eine kalte Mörderin. Die Tatsache, dass sie nach dem Tod des Fischers ihr Gesicht mit Purpur schminkt und singend zum Strand zurückkehrt, verdeutlicht ihre Gefühllosigkeit und ihre Unfähigkeit, echte Liebe oder Reue zu empfinden.

Schlüsselwörter

schwamm hinaus bald armen nixe fischer gefaßt machte

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Stilmittel

Bildsprache
Sie schwamm hinaus mit lüsterner Hast
Hyperbel
Drei Tage hatte sie Zeitvertreib
Kontrast
Da schoß sie empor an das sonnige Licht
Metapher
Sie wälzt′ mit dem Armen sich um und um
Personifikation
Und als die Nixe den Fischer gefaßt
Symbolik
Sie schminkte mit Purpur das weiße Gesicht