Seelied

Bettina von Arnim

1785

Es schien der Mond gar helle, Die Sterne blinkten klar, Es schliefen tief die Wellen, Das Meer ganz stille war.

Ein Schifflein lag vor Anker, Ein Schiffer trat herfür: Ach wenn doch all mein Leiden Hier tief versunken wär.

Mein Schifflein liegt vor Anker, Hat keine Ladung drin, Ich lad ihm auf mein Leiden Und laß es fahren hin.

Und als er sich entrissen Die Schmerzen mit Gewalt, Da war sein Herz zerrissen, Sein Leben war erkalt'.

Die Leiden all schon schwimmen Auf hohem Meere frei, Da heben sie an zu singen Eine finstre Melodei.

Wir haben festgesessen In eines Mannes Brust, Wo tapfer wir gestritten Mit seines Lebens Lust.

Nun müssen wir hier irren Im Schifflein hin und her: Ein Sturm wird uns verschlingen, Ein Ungeheuer im Meer.

Da mußten die Wellen erwachen Bei diesem trüben Sang; Verschlangen still den Nachen Mit allem Leiden bang.

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Illustration zu Seelied

Interpretation

Das Gedicht "Seelied" von Bettina von Arnim beschreibt eine melancholische Szene in der Nacht, in der ein Schiff vor Anker liegt und ein Schiffer seine Leiden auf das Schiff lädt, um sie loszuwerden. Der Mond und die Sterne scheinen hell, während das Meer ruhig ist, was einen starken Kontrast zu der inneren Unruhe des Schiffer bildet. Die Bildsprache des Gedichts ist eindrucksvoll und vermittelt ein Gefühl von Einsamkeit und Verzweiflung. In den folgenden Strophen wird der Schiffer zum Symbol für jemanden, der versucht, seine emotionalen Schmerzen abzuschütteln, indem er sie metaphorisch auf ein Schiff lädt. Doch der Akt des Loslassens ist so gewaltsam, dass er das Herz des Schiffer zerreißt und sein Leben erlischt. Die Leiden, nun befreit, nehmen ein Eigenleben an und singen eine "finstere Melodie", was darauf hindeutet, dass Schmerz und Trauer, einmal freigesetzt, eine eigene, bedrohliche Existenz annehmen können. Das Gedicht endet mit einer dramatischen Wendung, bei der die Wellen, durch das Lied der Leiden erweckt, das Schiff mit allen seinen Lasten verschlingen. Dies kann als eine Metapher für die unausweichliche Natur des Schmerzes verstanden werden, der, obwohl versucht wird, ihn zu verdrängen, letztendlich überwältigend und zerstörerisch sein kann. Die letzte Strophe vermittelt ein Gefühl der Endgültigkeit und der Unentrinnbarkeit des Schicksals, das den Schiffer und seine Leiden in den Tiefen des Meeres verschwinden lässt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Seine Schmerzen mit Gewalt
Bildlichkeit
Die Leiden all schon schwimmen Auf hohem Meere frei
Hyperbel
Ach wenn doch all mein Leiden Hier tief versunken wär
Ironie
Und laß es fahren hin
Kontrast
Wo tapfer wir gestritten Mit seines Lebens Lust
Metapher
Mein Schifflein liegt vor Anker, Hat keine Ladung drin
Personifikation
Es schien der Mond gar helle, Die Sterne blinkten klar
Symbolik
Ein Schifflein lag vor Anker
Vorausdeutung
Ein Sturm wird uns verschlingen, Ein Ungeheuer im Meer