Seekrankheit
1856Die grauen Nachmittagswolken Senken sich tiefer hinab auf das Meer, Das ihnen dunkel entgegensteigt, Und zwischendurch jagt das Schiff. Seekrank sitz ich noch immer am Mastbaum, Und mache Betrachtungen über mich selber, Uralte, aschgraue Betrachtungen, Die schon der Vater Loth gemacht, Als er des Guten zuviel genossen Und sich nachher so übel befand. Mitunter denk ich auch alter Geschichtchen: Wie kreuzbezeichnete Pilger der Vorzeit, Auf stürmischer Meerfahrt, das trostreiche Bildnis Der heiligen Jungfrau gläubig küßten; Wie kranke Ritter, in solcher Seenot, Den lieben Handschuh ihrer Dame An die Lippen preßten, gleich getröstet - Ich aber sitze und kaue verdrießlich Einen alten Hering, den salzigen Tröster In Katzenjammer und Hundetrübsal!
Unterdessen kämpft das Schiff Mit der wilden, wogenden Flut; Wie′n bäumendes Schlachtroß, stellt es sich jetzt Auf das Hinterteil, daß das Steuer kracht, Jetzt stürzt es kopfüber wieder hinab In den heulenden Wasserschlund, Dann wieder, wie sorglos liebematt, Denkt es sich hinzulegen An den schwarzen Busen der Riesenwelle, Die mächtig heranbraust, Und plötzlich, ein wüster Meerwasserfall, In weißem Gekräusel zusammenstürzt Und mich selbst mit Schaum bedeckt. Dieses Schwanken und Schweben und Schaukeln Ist unerträglich!
Vergebens späht mein Auge und sucht Die deutsche Küste. Doch ach! nur Wasser, Und abermals Wasser, bewegtes Wasser! Wie der Winterwandrer des Abends sich sehnt Nach einer warmen, innigen Tasse Tee, So sehnt sich jetzt mein Herz nach dir, Mein deutsches Vaterland! Mag immerhin dein süßer Boden bedeckt sein Mit Wahnsinn, Husaren, schlechten Versen Und laulich dünnen Traktätchen; Mögen immerhin deine Zebras Mit Rosen sich mästen statt Disteln; Mögen immerhin deine noblen Affen In müßigem Putz sich vornehm spreizen Und sich besser dünken als all das andre Banausisch dahinwandelnde Hornvieh; Mag immerhin deine Schneckenversammlung Sich für unsterblich halten, Weil sie so langsam dahinkriecht, Und mag sie täglich Stimmen sammeln, Ob den Maden des Käses der Käse gehört? Und noch lange Zeit in Beratung ziehen, Wie man die ägyptischen Schafe veredle, Damit ihre Wolle sich beßre Und der Hirt sie scheren könne wie andre, Ohn Unterschied - Immerhin, mag Torheit und Unrecht Dich ganz bedecken, o Deutschland! Ich sehne mich dennoch nach dir: Denn wenigstens bist du noch festes Land.
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Interpretation
Das Gedicht "Seekrankheit" von Heinrich Heine handelt von der körperlichen und geistigen Verfassung des lyrischen Ichs während einer stürmischen Seefahrt. Die Seekrankheit wird dabei als Metapher für die Unzufriedenheit und Sehnsucht nach der Heimat verwendet. Das Ich sitzt seekrank am Mastbaum und macht "uralte, aschgraue Betrachtungen" über sich selbst, die schon der Vater Loth gemacht hat, als er des Guten zuviel genossen hatte. Diese Betrachtungen sind geprägt von Resignation und Melancholie. Das Gedicht schildert eindrucksvoll die stürmische See und den Kampf des Schiffes mit den Wellen. Das Schiff wird dabei mit einem bäumenden Schlachtroß verglichen, das sich aufbäumt, stürzt und sich schließlich sorglos an die Wellen lehnt. Diese Bilder vermitteln die Unberechenbarkeit und Gefährlichkeit der See. Das Ich leidet unter dem Schwanken und Schaukeln des Schiffes und sehnt sich verzweifelt nach der "deutschen Küste", nach dem festen Land. Die Sehnsucht nach der Heimat wird in den letzten Strophen des Gedichts ausführlich beschrieben. Das Ich sehnt sich nach Deutschland, obwohl es dort "Wahnsinn, Husaren, schlechte Verse und laulich dünne Traktätchen" gibt. Es kritisiert die geistige Verwirrung und den Stillstand in Deutschland, symbolisiert durch die "Schneckenversammlung", die sich für unsterblich hält und sich in endlosen Beratungen verliert. Trotz alledem sehnt sich das Ich nach Deutschland, weil es zumindest noch "festes Land" ist, im Gegensatz zur unbeständigen See. Die Seekrankheit wird somit zur Metapher für die Unzufriedenheit mit der geistigen Situation in Deutschland und die Sehnsucht nach einem festen, verlässlichen Ort.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anspielung
- uralte, aschgraue Betrachtungen, Die schon der Vater Loth gemacht
- Hyperbel
- Immerhin, mag Torheit und Unrecht Dich ganz bedecken, o Deutschland!
- Ironie
- Mag immerhin dein süßer Boden bedeckt sein Mit Wahnsinn, Husaren, schlechten Versen
- Metapher
- Denn wenigstens bist du noch festes Land
- Personifikation
- Denkt es sich hinzulegen An den schwarzen Busen der Riesenwelle
- Vergleich
- Wie der Winterwandrer des Abends sich sehnt Nach einer warmen, innigen Tasse Tee