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Seekrankheit

Von

Die grauen Nachmittagswolken
Senken sich tiefer hinab auf das Meer,
Das ihnen dunkel entgegensteigt,
Und zwischendurch jagt das Schiff.
Seekrank sitz ich noch immer am Mastbaum,
Und mache Betrachtungen über mich selber,
Uralte, aschgraue Betrachtungen,
Die schon der Vater Loth gemacht,
Als er des Guten zuviel genossen
Und sich nachher so übel befand.
Mitunter denk ich auch alter Geschichtchen:
Wie kreuzbezeichnete Pilger der Vorzeit,
Auf stürmischer Meerfahrt, das trostreiche Bildnis
Der heiligen Jungfrau gläubig küßten;
Wie kranke Ritter, in solcher Seenot,
Den lieben Handschuh ihrer Dame
An die Lippen preßten, gleich getröstet –
Ich aber sitze und kaue verdrießlich
Einen alten Hering, den salzigen Tröster
In Katzenjammer und Hundetrübsal!

Unterdessen kämpft das Schiff
Mit der wilden, wogenden Flut;
Wie′n bäumendes Schlachtroß, stellt es sich jetzt
Auf das Hinterteil, daß das Steuer kracht,
Jetzt stürzt es kopfüber wieder hinab
In den heulenden Wasserschlund,
Dann wieder, wie sorglos liebematt,
Denkt es sich hinzulegen
An den schwarzen Busen der Riesenwelle,
Die mächtig heranbraust,
Und plötzlich, ein wüster Meerwasserfall,
In weißem Gekräusel zusammenstürzt
Und mich selbst mit Schaum bedeckt.
Dieses Schwanken und Schweben und Schaukeln
Ist unerträglich!

Vergebens späht mein Auge und sucht
Die deutsche Küste. Doch ach! nur Wasser,
Und abermals Wasser, bewegtes Wasser!
Wie der Winterwandrer des Abends sich sehnt
Nach einer warmen, innigen Tasse Tee,
So sehnt sich jetzt mein Herz nach dir,
Mein deutsches Vaterland!
Mag immerhin dein süßer Boden bedeckt sein
Mit Wahnsinn, Husaren, schlechten Versen
Und laulich dünnen Traktätchen;
Mögen immerhin deine Zebras
Mit Rosen sich mästen statt Disteln;
Mögen immerhin deine noblen Affen
In müßigem Putz sich vornehm spreizen
Und sich besser dünken als all das andre
Banausisch dahinwandelnde Hornvieh;
Mag immerhin deine Schneckenversammlung
Sich für unsterblich halten,
Weil sie so langsam dahinkriecht,
Und mag sie täglich Stimmen sammeln,
Ob den Maden des Käses der Käse gehört?
Und noch lange Zeit in Beratung ziehen,
Wie man die ägyptischen Schafe veredle,
Damit ihre Wolle sich beßre
Und der Hirt sie scheren könne wie andre,
Ohn Unterschied –
Immerhin, mag Torheit und Unrecht
Dich ganz bedecken, o Deutschland!
Ich sehne mich dennoch nach dir:
Denn wenigstens bist du noch festes Land.

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Gedicht: Seekrankheit von Heinrich Heine

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Seekrankheit“ von Heinrich Heine ist eine melancholische Reflexion über das Unbehagen des Seins und die Sehnsucht nach Heimat, die durch die Metapher der Seekrankheit vermittelt wird. Der Dichter, selbst Seekrank, beobachtet die Naturgewalten und vergleicht sein Befinden mit dem der Seeleute und Pilger vergangener Zeiten, die in der Not Trost suchten. Im Gegensatz zu diesen findet er nur einen salzigen Hering, ein Symbol der Ernüchterung und der trostlosen Realität.

Heine nutzt die Szenerie der stürmischen See, um die innere Zerrissenheit und das Schwanken des Gemüts widerzuspiegeln. Das Schiff, das sich den Naturgewalten widersetzt, wird personifiziert und in dramatischer Weise beschrieben. Es tanzt zwischen Auf und Ab, zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Diese Bewegung und der ständige Wechsel von Höhe und Tiefe spiegeln die emotionale Achterbahnfahrt des Dichters wider. Die Unerträglichkeit des Zustands manifestiert sich in der wiederholten Betonung des „Schwankens“ und „Schwebens“, wodurch die Orientierungslosigkeit und das Gefühl der Verlorenheit verstärkt werden.

Die zweite Hälfte des Gedichts wendet sich der Sehnsucht nach der Heimat zu. Trotz aller Kritik an den Zuständen in Deutschland – die er in satirischer Weise mit überzeichneten Bildern und sarkastischen Bemerkungen darstellt – ist die Sehnsucht nach dem „festen Land“ unverkennbar. Die satirische Kritik entlarvt die Absurditäten und Missstände im deutschen Alltag, wobei er auf unterschiedliche soziale Gruppen und Phänomene wie Wahnsinn, schlechte Verse, dumme Diskussionen über unwichtige Dinge und die Arroganz der „Noblen Affen“ anspielt. Heine unterstreicht die Liebe zur Heimat durch die Gegensätze, indem er einerseits die negativen Aspekte kritisiert, andererseits aber das Land dennoch vermisst.

Die Sehnsucht nach Deutschland wird in Kontrast zu den Weiten des Meeres gesetzt, die als Synonym für Unbeständigkeit und Heimatlosigkeit stehen. Die Metapher der Seekrankheit wird hier erweitert und auf eine existenzielle Ebene übertragen. Das Gedicht ist also mehr als nur ein Bericht über körperliches Unwohlsein; es ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Gefühl der Entfremdung, der Suche nach Halt und der Sehnsucht nach einer festen, verlässlichen Heimat, die trotz ihrer Mängel immer noch bevorzugt wird gegenüber der Leere des Meeres.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.