Seejungfräulein
1837Sterben zu müssen… Zu Schaum auf den Wogen zergehn! Ach! Schon bleichen die Sterne… Wenn der Sonne erster Roter Strahl Fällt auf das gleitende Schiff, Sink′ ich hinab! Und nimmer Schaue Ihn ich wieder, um den Vor stummen Sehnen mein Herz vergeht, - Der friedlich lächelnd Schlafend ruht. An der Seite - die Königsbraut… Sterben zu müssen! - Wenn Menschen sterben, Fliegt ihre Seele In ferne himmlische Lande, - In′s schimmernde Paradies! Doch ich - Arme, kleine Seejungfrau - Kann nimmer dahin! Auf den Wogen Muß treiben als toter Schaum! Nun schweben schon In klarer Höh′ Rosige Morgenwölkchen, Klagende Stimmen Säuseln und weh′n, Wehen über das Meer! - Wie lange hört′ ich sie nicht? - Ist′s der Geschwister Schwimmende Schaar? So traurig klingt ihre Klage! - So sangen sie mir Vor alter Zeit: Meiden sollt′ ich die Menschen! Sangen mir Weisen Seltsam und süß, Von Menschen-Glück Und von Menschen-Weh, Von fernen Wundern Im Paradies! Und wie wir - nimmer sie schauten! … Nur wenn ein Mensch vor Lieb′ und Lust Zöge bebend mich an die Brust, Und seine Seele in mich flösse, Die ew′ge Lieb′ in mich ergösse, Daß jäh, wie Schwertes scharfe Schneid′, Durchzuckt mich Menschen-Lust und -Leid, - Nur dann, - nur dann - Gewänn′ ich das Paradies! Nur wenn ein Mensch mich liebt′ - und nie verließ…
(mit leidenschaftlichem Entschluß)
Einmal noch - muß ich ihn sehn! Einmal nur - und dann vergehn! Will zurück den Vorhang schlagen, Wo des Zeltes Pforten ragen! Ach! - Wie bist du wunderschön! Du, den ich voll Lieb′ und Schmerzen Stumm getragen tief im Herzen! Still, o Herz! Was pochst du so? Lächelt er im Traum nicht froh? An der Seite, süß und traut, Ruht ihm nicht die Königsbraut? Still, o Herz! Nicht poche so! Auch an meiner warmen Brust Hat geruht er, unbewußt, Da aus Sturmes-Wut und -Wogen Erdwärts ich ihn einst gezogen! Lebe wohl nun, Menschensohn! Flammend glüht′s am Himmel schon! Deines Hochzeitmorgens Licht Leib und Herz mir jäh zerbricht! Bin geworden heimatlos In des Meeres tiefem Schoß! Heimatlos im Menschenland, Da der Braut Du zugewandt! Ach! Vor Lieb′ und Liebeslust Zogst mich nimmer an die Brust! - Daß Deine Seele in mich flösse, Die ew′ge Lieb′ in mich ergösse! Doch fühl′ ich - jäh - wie Schwertes Schneid′, In mir nun Menschen-Qual und -Leid! Die Sonne kommt! - Dir - geb′ sie Glück! Mich faßt - der Tod! - In′s Meer Stürz′ ich zurück! - O Tod!! -
Ist dies - der Tod? - Ich fühl′ es - Leben? Licht und frei Im Glanz zu schweben!? Aufwärts Selig sich erheben!?
Goldne Strahlen Allerorten Aus den weiten Himmelspforten! Frieden in der Morgenhöhe! Nirgends Dunkel, nirgends Wehe! Friedensfeier Auf dem Meere! In den Lüften Sel′ge Chöre! Tausend leuchtende Gestalten! Tausend himmlische Gewalten! Überall nur Wunderklänge! Rauschend liebliche Gesänge! Immer höher Glanz und Wonne! Immer leuchtender die Sonne! Immer tiefer Weh und Welten! Näher stets den Himmelszelten! Alleluja aus der Ferne! Neue glüh′nde Sonnensterne! Paradieses Heil′ge Schwelle! Ewig klaren Lichtes Quelle! Jauchzend wogt es: Alleluja! Alleluja! Hell und heller! Alleluja aus der Ferne Neuer glüh′nde Sonnenterne! Alleluja! Alleluja! In Ewigkeit! - Alleluja!
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Interpretation
Das Gedicht "Seejungfräulein" von Hans Christian Andersen handelt von einer jungen Meerjungfrau, die in den Tod gehen muss, da sie sich in einen Menschen verliebt hat. Die Meerjungfrau sehnt sich danach, den Mann, den sie liebt, noch einmal zu sehen, bevor sie stirbt und zu Schaum auf den Wellen zerfällt. Sie erinnert sich an die Warnungen ihrer Geschwister, die Menschen zu meiden, und an die Lieder, die ihnen von den Wundern im Paradies erzählten. Die Meerjungfrau wünscht sich, dass ein Mensch sie liebt und ihr seine Seele schenkt, damit sie das Paradies erlangen kann. Doch ihr Wunsch bleibt unerfüllt, da der Mann, den sie liebt, eine andere Frau heiratet. Die Meerjungfrau beschließt, den Vorhang des Zeltes zu öffnen, in dem der Mann und seine Braut schlafen, um ihn noch einmal zu sehen. Sie bewundert seine Schönheit und erinnert sich daran, wie sie ihn einst aus den stürmischen Wellen gerettet hat. Die Meerjungfrau verabschiedet sich von ihm und spürt, wie ihr Herz und ihr Leib durch das Licht des Hochzeitmorgens zerbrochen werden. Sie fühlt sich heimatlos im Meer und im Land der Menschen, da sie von niemandem geliebt wird. Doch plötzlich spürt sie eine neue Empfindung in sich, die ihr zeigt, dass sie die Qual und das Leid der Menschen erfahren hat. Im letzten Teil des Gedichts erlebt die Meerjungfrau eine Verwandlung. Sie fühlt sich leicht und frei, als würde sie im Glanz schweben. Sie sieht goldene Strahlen, die aus den Himmelspforten kommen, und hört friedliche und fröhliche Gesänge. Sie begegnet tausenden leuchtenden Gestalten und himmlischen Kräften, die Wunderklänge und liebliche Gesänge verbreiten. Die Meerjungfrau steigt immer höher und näher zum Paradies, wo sie ewige Freude und Licht erfährt. Sie jauchzt und singt "Alleluja" in Ewigkeit, was ihre Erlösung und ihr Glück symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Wie bist du wunderschön
- Metapher
- Ewig klaren Lichtes Quelle
- Personifikation
- Alleluja aus der Ferne